«Mann tot in Wohnung aufgefunden», so kurz informierte die Solothurner Kantonspolizei heute Morgen zum Fall Frank J.*, welcher zwischen Samstagabend um 22 Uhr und heute Morgen um 3 Uhr die Bevölkerung in Atem hielt. Ursprünglich maskiert und bewaffnet, zog der Irre durch die Solothurner Altstadt, bevor er auf Polizisten schoss, die ihn verfolgten. Zum Schluss verbarrikadierte er sich in der Wohnung, die er sich mit seiner Mutter teilte.

523 Seiten starkes Vermächtnis

Heute Morgen um 3 Uhr schlug schliesslich die Polizei zu und fand den 42-Jährigen tot in seiner Wohnung. Er hinterlässt weder eine Frau noch Kinder, seine einzige Bezugsperson in den letzten Jahren war seine Mutter, mit welcher er eine Wohnung an der Benedikt-Hugi-Strasse in der Solothurner Weststadt teilte. Was J. aber hinterlässt, ist eine Homepage unter dem Titel «Ich prophezeie Euch den Untergang» mit einem 423 Seiten langen PDF-Dokument, als Buch genannt «Das tanzende Tier», verteilt auf vier Teile. Wirre Gedanken und Aussagen, Zitate aus verschiedenen Weltreligionen, Texte aufgelockert mit Götterbildern - geschrieben von Frank J. alias «Knebezi» oder «Affe Zarathustra» vor rund drei Jahren.

Das Buch sei eine «Anleitung zum Glücklichsein», scheibt J. über sein literarisches Werk - und relativiert dieses gleich danach wieder mit den Worten «Eines für alle und für keinen». Der erste Satz Buch stammt vom deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche, welcher wie J. selbst auf den iranischen Gelehrten Zarathustra Bezug nimmt. Noch vor der Vorrede von «Knebezi» selber, geht der Solothurner auf das dritte Auge ein. Er zieht den Zusammenhang zwischen Varuna, einer indischen Gottheit, einer anderen Gottheit namens Indra und sich selber. Erstere habe nach Überlieferungen tausend Augen, Indra hundert, J. selber aber nur drei. Das dritte Auge sei, wie in der Esoterik, seine persönliche Verbindung zu Weisheit und Erkenntnis.

«Dinge sehen, die Sie noch nie so gesehen haben»

Mit diesem dritten Auge will J. in seinem dicken Werk «Dinge sehen, die Sie noch nie so gesehen haben» und Nietzsches Schriften entschlüsseln. Seine Theorie beruht auf einem Textpuzzle, welches nach eigenen Angaben auf der Dialektik beruht. Mit der richtigen Interpretation von Aphorismen würden die wahren Botschaften Nietzsches hervorkommen, sagt J., genau so wie der Philosoph Nietzsche selber schreibe: «tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus ihren Schlupfwinkeln - hinein in seine Sonne».

In einem Satz, aufgeteilt mit seiner Methodik, sieht J. denn auch seine wirren Gedanken selber ein. Mit den Worten «Nu - rfür - Ver - rüc - kte.» beendet er das Vorwort. Danach stürzt er sich hinein in 423 Seiten Analyse «durch das Labyrinth des menschlichen Geistes», die mindestens so verworren sind, wie ein Labyrinth tatsächlich ist. Schliesslich behauptet J., er habe Friedrich Nietzsche anlässlich eines Nachtessens selber getroffen. Letzterer starb aber 1900.

«Er hatte Drogenprobleme»

C. D. hat für Frank J. die wirren Gedanken online gestellt. Er, der als bekannter Schweizer Musiker nicht unbedingt in der Presse genannt werden möchte, hatte mit J. nie Probleme gehabt. «Es war wie ein normaler Auftrag, der vor ein bisschen mehr als zwei Jahren begann», so D. Ab und zu habe er sich aber schon über den Inhalt von J.s Webseite gewundert, gibt D. zu. Da sie aber nicht gegen das Gesetz verstiess, sei das für ihn nie eine Diskussion gewesen.

D. erlebte den «Schützen von Solothurn» als sehr nervös. «Ab und zu redete er auch von seinen privaten Problemen, wenn er bei mir war», erzählt D. Und dann sagte J., dass er jetzt schon zwei Wochen ohne Kokain auskäme. Auch von psychischen Problemen erzählte J. manchmal. «Er war auch in der Klinik», weiss D. Seit knapp einem Jahr sei J. auch nie mehr zu ihm gekommen.