Solothurn

Hostien für 220 Pfarreien – die Spezialität der Klosterbäckerei

Im Solothurner Kloster Namen Jesu produzieren die Schwestern seit Jahrzehnten das ungesäuerte Brot für 220 Pfarreien. das Rezept für den Teig ist simpel. Im Verhältnis 5 zu 7 werden Semmelmehl und Wasser gemischt - ohne Zugabe von nichts.

Hinter den dicken Mauern des Frauenklosters Namen Jesu in Solothurn verbirgt sich eine schweizweite Quasi-Exklusivität. Einmal pro Woche, immer am Dienstag, werden in der klostereigenen Bäckerei Hostien gebacken.

Quasi-Exklusivität deshalb, weil noch in weiteren sechs Klöstern Oblaten hergestellt werden, wie Schwester Priska erklärt. Die 77-Jährige ist seit 53 Jahren Mitglied der Schwesterngemeinschaft von Kapuzinerinnen im Kloster Namen Jesu und seit 2001 für die Bäckerei verantwortlich. Zuvor betreute sie die Kräuterapotheke, die aber inzwischen eingestellt wurde. Stolz präsentiert sie «ihre» Backstube. «Wir beliefern rund 220 Pfarreien. Die meisten liegen im Kanton Solothurn und vereinzelt auch in anderen Kantonen, vom Aargau bis hin ins Bündnerland.»

In der Bäckerei, im Erdgeschoss des Klosters untergebracht und mit Sicht auf den Klostergarten, herrscht eine offene, freundliche und lockere Atmosphäre. Schwester Therese, seit 15 Jahren im Kloster, bedient routiniert den zwei Meter langen und 1,8 Meter hohen Backautomaten.

Für lange Erklärungen keine Zeit

Für lange Erklärungen hat sie fast keine Zeit. «Es braucht viel Konzentration bei der Arbeit», sagt sie fast entschuldigend, denn die Anlage presst und backt vollautomatisch und ununterbrochen auf zwölf Platten den aufgegossenen Teig zu Hostien in A4-Format. Es zischt und dampft. Schwester Therese löst mit flinken Händen das Gebäck von den heissen Platten und reinigt diese von Rückständen, bevor sie wieder mit Teig «beladen» werden. Das Band bewegt sich rasch, die Backzeit bei einer Temperatur von 200 Grad beträgt genau zwei Minuten. Der Backautomat funktioniert im Prinzip wie ein übergrosses Bretzeleisen. Schwester Maria Theresia legt das frische Gebäck vorsichtig in Kistchen, bevor diese weiterverarbeitet werden.

Übrigens, das Rezept für den Teig ist simpel. Im Verhältnis 5 zu 7 werden Semmelmehl und Wasser gemischt, bis eine gleichmässige, dünnflüssige Masse entsteht. Ohne Zugabe von Salz und Backtriebmittel wie Hefe, Backpulver und Sauerteig. Die Masse im Teigbottich besteht also aus 30 Kilogramm Mehl und 42 Liter Wasser; von dort wird der Teig dosiert und genau platziert auf die heissen Platten gespritzt.

Die frisch gebackenen Hostien (lat. Hostia, Opfer, Opfergabe) in Plattenform sind sehr zerbrechlich und können in diesem Zustand nicht in runde Scheiben gestanzt werden. Deshalb werden die Platten in einem separaten Raum in speziellen Gestellen gelagert – und befeuchtet. «Um die nötige Luftfeuchtigkeit zu erreichen, setzen wir Luftbefeuchter ein, genau angepasst an die Wetterlage», erklärt Schwester Priska auf dem Rundgang. In der Regel bleiben die Platten über eine Nacht im Befeuchtungsraum.

Weihnachten und Ostern Hochbetrieb

Jeweils vor Weihnachten und Ostern herrsche Hochbetrieb, die Nachfrage nach Hostien sei dann am höchsten, berichtet Schwester Priska weiter. Sie bedient die mit einem Hohlbohrer ausgestattete Stanzmaschine. 55 Platten, zusammengehalten durch einen Holzrahmen, werden nun mit dem Bohrer ausgestanzt. Die Hostien in der endgültigen Form fallen in ein Holzkistchen unter der Maschine. Hergestellt werden Hostien in verschiedenen Grössen.

Die Kleinsten mit einem Durchmesser von drei Zentimetern sind jene für «das Volk», wie die Ordensfrau erläutert. Die mittleren mit Durchmesser 12 Zentimeter sind für die Priester und die grössten mit 15 Zentimetern für Konzelebrationen, wenn mehrere Priester zusammen die Eucharistie feiern.

Schwester Priska nimmt ein blaues Büchlein zur Hand, wo fein säuberlich und handschriftlich die Produktionszahlen über Jahrzehnte erfasst sind. «Insgesamt fertigen wir jährlich über zwei Millionen Hostien.»

Fünf Millionen Hostien

Anhand der Produktionsbuchhaltung zeigt sie den Verlauf. Noch in den 80er-Jahren seien jährlich gegen fünf Millionen Hostien hergestellt worden. «Die Zahl der Kirchgängerinnen und Kirchgänger sowie die Zahl der Gottesdienste nimmt aber stetig ab und somit auch die Nachfrage.»

Von Hand kontrolliert Schwester Paula am Nebentisch alle ausgestanzten Hostien. «Zerbrochene Oblaten werden aussortiert. Wir wollen keine fehlerhaften Hostien liefern», erklärt sie ihre Arbeit. Die «Abfälle» hole jeweils ein Bauer ab und benutze diese als Tierfutter, sagt Schwester Paula lachend.

Nach der Qualitätskontrolle kommt Schwester Gertrud ins Spiel. Sie wiegt die Hostien ab und füllt diese in Plastiksäcke ab – die Liefermengen reichen abgestuft von 100 bis 2000 Stück. «Danach bringen wir die Ware, verpackt in Kartons, zur Post. Einige Pfarreien in der Region holen diese auch bei uns ab», berichtet Schwester Gertrud. Bis zur Segnung in den Pfarreien handelt es sich noch um gewöhnliches, ungesalzenes Gebäck. Erst dann sind es Hostien, die den Leib Christi verkörpern.

Wichtiger Teil des Einkommens

Der Verkauf der Hostien liefert einen wichtigen Teil an das Einkommen des Klosters. Für die kleinen Hostien bezahlen die Pfarreien 7 Rappen pro Stück, für die mittleren 21 Rappen und für die ganz grossen Fr. 2.50 pro Stück. Damit sich die verschiedenen Klöster mit Hostienbäckereien nicht gegenseitig konkurrenzieren, wurden die Preise von den Diözesen gesamtschweizerisch festgelegt, wie Schwester Priska die Preisabsprache umschreibt.

Wie lange noch Hostien im «Namen Jesu» produziert werden, hängt auch von der Zukunft des Klosters ab. «Wir sind noch 15 Schwestern, das Durchschnittsalter ist mit 75 Jahren hoch», sagt Schwester Priska. Sie bleibt aber hoffnungsvoll und verweist auf die kürzliche Gründung des Vereins «Freundeskreis Kloster Namen Jesu». Der Verein bezwecke, die Schwesterngemeinschaft in praktischer und ideeller Hinsicht zu unterstützen, um das Kloster lebendig zu erhalten. «Das ist ein gutes Zeichen.»

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