St. Ursenkathedrale

Hörerlebnis der beiden Orgeln ist damals wie heute einmalig

Jung-Min Lee und Benjamin Guélat nach dem Konzert umrahmt von zwei Gratulantinnen.

Jung-Min Lee und Benjamin Guélat nach dem Konzert umrahmt von zwei Gratulantinnen.

Am Dienstag gaben Jung-Min Lee und Benjamin Guélat in der St. Ursenkathedrale ein Konzert auf zwei Orgeln.

Orgeln sind zwar an den kirchlichen Raum gebunden, nicht jedoch an den sakralen Rahmen. Obschon Orgelkonzerte im Musikleben eine relativ kleine Rolle spielen, im Sommer beherrscht sie den Konzertkalender, lockt viele Besucherinnen und Besucher in die Kathedrale. Auch am zweiten Orgelkonzert der Saison, in dem Jung-Min Lee mit Werken aus Barock, Romantik und Neuzeit reüssierte, waren alle Bänke besetzt.

Zum Auftakt wurde das Zusammenspiel der beiden Orgeln kredenzt. Musik für zwei Orgeln geniesst in Solothurn eine mehr als vierzigjährige Tradition, die vom neuen Domorganisten Benjamin Guélat und seiner Partnerin Jung-Min Lee weiterhin gepflegt wird. Das Organisten-Ehepaar verbindet die Magie des Aufeinanderhörens und des ähnlichen Empfindens, welche den Orgeldialog über die reine Virtuosität hinaushebt.

Obschon sie mit den Instrumenten noch nicht restlos vertraut sind, beglückte die Premiere, offenbarte das Potenzial für künftige gemeinsame Auftritte. Mit «Grand Chœur dialogué» von Eugène Gigout traten die grosse, von Jung-Min Lee gespielte Kuhn-Orgel und die historische Bossard-Orgel in den Dialog. Beide Interpreten hoben den sakralen Charakter der Musik und des Spielortes hervor. So auch beim dreisätzigen «Concertino del Signor Vivaldi» von Johann Gottfried Walther, welches mit originellen Registerkombinationen aufhorchen liess.

Ins Schatzkästchen gegriffen

Welche Virtuosin in Jung-Min Lee steckt, zeigte sie mit dem Final aus Naji Hakims Bravourstück «Hommage à Igor Strawinsky». Ungewohnte, abstrakte wie auch rhythmische Klänge, die der «zeitgemässen musica sacra». Mit flüssigen Tempi näherte sich die 1973 in Seoul geborene Jung-Min Lee dem Orgelmeister par exzellente: Johann Sebastian Bach. Auch hier überraschte sie mit origineller Registrierung, fächerte auf der Kuh-Orgel sämtliche Stimmen der Fuge auf und brachte den langsamen Satz zum Singen. Mit den drei Sätzen (elegisches Cantabile) aus Charles-Marie Widors Symphonie op 42 Nr. 6 in g-Moll erklang die in sich stimmigste Interpretation.

Widors Orgelsymphonien gehören ins Schatzkästchen französischer Orgelkunst. Unter den Fingern und Füssen der Musikerin wurde die Orgel wirklich zur Königin aller Instrumente, die fähig ist, grosse sinfonische Gedanken ohne Abstriche darzustellen. Langanhaltender Applaus und eine stehende Ovation dankte für den hochstehenden Musikgenuss.

Viel Lob aus berufenem Mund

Fritz Geissberger lobte den Konzertabend: «Eine gute Mischung von traditioneller und neuzeitlicher Musik, fulminant und bravourös gespielt.»

Opernsängerin Julia Milanova, die für ein paar Ferientage ihren früheren Wohnort besucht hatte, liess sowohl die Musik wie auch die St.-Ursenkathedrale auf sich wirken: «Wenn die Orgel vibriert, schwingen die Klänge im Sakralraum und schaffen eine spirituelle Atmosphäre. In dieser Kirche, in der ich früher ab und zu gesungen habe, ein solches Konzert zu erleben, nehme ich als spezielles Highlight mit heim nach Bulgarien.»

Bruno Eberhard erinnert sich

Auch Bruno Eberhard, früherer Domorganist und Initiant der Konzertreihe, erinnerte sich: «Die Initialzündung zu ‹Musik für zwei Orgeln› wurde 1972 mit der Restauration der historischen Bossard-Orgel (1773) gelegt.» Danach spielten Hanni Widmer-von Arx und Bruno Eberhard im Konzertzyklus der «Solothurner Orgelfreunde» und der Sommerkonzerte (ab 1988) jeweils Musik für zwei Orgeln.

«Das Hörerlebnis der beiden ausgezeichnet aufeinander abgestimmten Orgeln war neu und damals, wie auch heute, einmalig. Die Instrumente verbinden und ergänzen sich in der Kathedralen-Akustik zu einem Gesamtklang, der den Raum förmlich erfüllt und die Herzen der Zuhörenden erreicht.» Bruno Eberhard und Musikliebhaber freuen sich, dass mit Benjamin Guélat und Jung-Min Lee die junge Generation eine Solothurner Tradition weiter pflegen.

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