2000 Jahre Solothurn

Historiker: «Dass man ein Jubiläum feiert, ist aus historischer Sicht immer problematisch»

Der Solothurner Historiker Peter Keller macht sich Gedanken zur Geschichte seiner Stadt.

Der Solothurner Historiker Peter Keller macht sich Gedanken zur Geschichte seiner Stadt.

Historiker Peter Keller arbeitet für die Jubiläumsschrift 200 Jahre Stadtgeschichte die Themen Freizeit, Kultur und Sport auf. Sie erscheint zum 2000-Jahr-Jubiläum der Stadt Solothurn. Eine Geschichte, die für Keller von «sauguten» Geschichten lebt.

Solothurn will heuer 2000 Jahre alt sein. Ist das als Historiker nachvollziehbar?
Peter Keller: Da habe ich als Historiker kein Problem damit. Dass man ein Jubiläum feiert, ist jedoch aus historischer Sicht immer problematisch.

Warum?
Häufig werden Dorfjubiläen aufgrund der ersten Erwähnung der Ortschaft gefeiert. Doch uns Historikern ist klar, dass das Dorf schon vorher bestanden hat. Bei Solothurn ist das Problem – was feiern wir da? Lange war die Geschichtsschreibung ja jene des Kantons, eine Stadtgeschichte gibt es erst seit dem Ende des Ancien Régime vor gut 200 Jahren. Ein Jubiläum zu feiern ist jedoch ein Element der Geschichtskultur und es stört mich nicht. Es ist schliesslich nicht meine Aufgabe, jemandem zu sagen, ob er ein Fest machen darf oder nicht.

Die Römerzeit ist ja mit Funden, ja sogar schriftlichen Daten gut dokumentiert. Aber war Solothurn danach dauernd besiedelt?
Die Fakten sprechen schon dafür. Belege sind die Fundamente der Peters- und Stephanskapelle am Friedhofplatz mit ihren frühmittelalterlichen Grabanlagen. Und wo eine Kirche stand, gabs auch Siedlungen. Vielleicht hat Solothurn auch wegen seiner guten Geschichte um Urs und Viktor überlebt. Sie hat sicher geholfen, dass in Solothurn das frühe Christentum sehr stark verankert war.

Es gibt ja die Behauptung, dass im Frühmittelalter mehrere Jahrhunderte «fehlen», weil vor allem die schriftliche Spurenlage so dünn ist.

Ein Historiker braucht Fantasie und Vorstellungskraft. Doch bei dieser Behauptung ist eindeutig die Fantasie durchgebrannt. Es gibt einfach viel zu viele Belege, dass das nicht stimmen kann. Es handelt sich also eindeutig um eine Verschwörungstheorie.

Auffallend ist, dass auch mit mehr Dokumenten die Legendenbildung erst recht blumig eingesetzt hat. Solothurn rettet österreichische Belagerer, Wengi steht vor die Kanone. Nichts ist beweisbar, viel Raum für Spekulationen. Warum?
Auf den ersten Blick sieht das wie ein Widerspruch aus. Doch der Mensch braucht spannende Geschichten. Gute Geschichten überleben, sogar wenn eine Stadt untergeht, wie beispielsweise Troja. Und wenn es dann Dokumente gibt, werden die Geschichten aufgeschrieben. Ich sehe zwei Wege: Es gibt saugute Geschichten, die werden zu Wandersagen und auf den jeweiligen Ort angepasst. So weisen Felix und Regula in Zürich durchaus Parallelen zu Urs und Viktor bei uns auf.

Und zweitens?
Dann gibt es Ereignisse, die passieren. Und was bleibt, sind die Schlüsselszenen. Zum Bild von Wengi vor der Kanone. Vielleicht war es nur eine Diskussion im Ratssaal. Die wäre verblasst. Doch offizielle Chronisten wie Stadtschreiber Haffner wollten ganz bestimmte Aussagen zu ihrer Stadt machen, wie eben zum viel zitierten Wengigeist.

Offenbar wurde noch in der Neuzeit Geschichtsschreibung als Mittel zum Stadtmarketing angesehen. Warum wurde die ältere Geschichte Solothurns nie kritisch ausgeleuchtet und aufgearbeitet? Hexenprozesse, Judenpogrome, die Solddienste, Beutezüge bis ins Elsass oder das autokratische Ancien Regime waren doch keine Ruhmeskapitel.
Das stimmt nur bedingt. Teilweise wurden solche Kapitel untersucht. Aber es sind nicht so tolle Geschichten. Forschung zu diesen Themen gibts zwar, aber sie ist nicht sonderlich populär. Das gehört eben auch zur Geschichtskultur, der Umgang mit solchen Themen bis hin zur Verdrängung.

Gibt es dafür ein Beispiel in Solothurn?
Nun, das Alte Zeughaus stand immer für eine positive Interpretation des Solothurner Söldnerwesens. Der Ambassadorenhof dagegen wurde ausgeräumt und es sollte nichts mehr an die alten Beziehungen zu Frankreich erinnern.

Vollends überfordert waren die Historiker offenbar mit dem «Systemwechsel» durch die französischen Revolutionstruppen.
Der Historiker bemüht sich zwar, objektiv zu sein und legt seine Quellen offen. Aber das 19. Jahrhundert war schon das Paradebeispiel für eine politisch gefärbte, liberale Geschichtsschreibung. Die Bewertung richtete sich gegen das Ancien Regime und dem Bürgertum gehörte die Zukunft. Dabei war nicht alles schlecht im Patriziat. Ein schönes Beispiel ist Robert Glutz-Blotzheim, der in manchen Institutionen dabei war. Er hat viele aufklärerische Ideen des 18. Jahrhunderts aufgenommen und weitergeführt.

Und nun will man die Stadtgeschichte seither, also die letzten zwei Jahrhunderte, für ein Jubiläumswerk aufarbeiten. Wo lagen dabei die Herausforderungen?
Es tönt etwas langweilig. Aber die grösste Herausforderung war der Zeitmangel. Für die Aufarbeitung von 200 Jahren Stadtgeschichte zum Themenbereich Kultur, Sport und Freizeit blieb nur gut ein Jahr. Und ich musste daneben ja noch im Rahmen meiner gewöhnlichen Anstellung arbeiten.

Kultur, Sport und Freizeit. Auch da profitierten Sie wohl nicht gerade von einer sauberen Ouellenlage?
Ja, die zweite Herausforderung war, dass es wenige Vorarbeiten in diesem Bereich gab. Um 1900 beispielsweise kam die britische Sport-Idee auch in der Schweiz auf, was viele Vereinsgründungen auch hier wie den SAC oder 1907 des FC Solothurn nach sich zog, der notabene zu den zehn ältesten Fussballvereinen der Schweiz gehört. Da ist wahnsinnig viel passiert, wir zählen allein in Solothurn knapp 100 Sportvereine. Dazu gibt es schon gute Quellen – aber sie liegen brach. Dabei verfügen wir über viele begeisterte Leute, die tolle Archive führen. Da gäbe es noch Schätze zu heben.

Geschichte ist für eine Stadt ein Identifikations-Vehikel. Sie sind ja auch Fasnächtler…
Das stimmt absolut. Darum wollte ich auch dieses Kapitel bearbeiten. Weil ich persönlich engagiert bin. Einerseits mache ich Fasnacht aus Passion, andererseits befasse ich mich auch intellektuell als Historiker damit. So ist jetzt die Gender-Diskussion ein grosses Thema geworden. Geschichte hat aber immer mit der Gegenwart zu tun. Darum finde ich es gut, dass wir uns den letzten 200 Jahren annehmen. Da geht es um uns, und wie wir heute sind.

Als Präsident der Töpfergesellschaft Solothurn, die schon weltberühmte Referenten sah, pflegen Sie einen Klassiker der Geschichtsvermittlung. «Zieht» das heute überhaupt noch?
Wir hatten bisher eine sehr erfolgreiche Saison mit zwei ausverkauften Anlässen, auch wenn wir da nur von rund 80 Personen reden. Wenn das Thema stimmt, «zieht» es auch. Zu berücksichtigen ist, dass unsere jungen Leute, die sich mit Geschichte befassen, an Universitäten sind. Und weil Solothurn keine hat, bleiben sie auch nicht hier. Aber wir haben einen Bodensatz für solche kulturelle Veranstaltungen, der sich auch finanziell engagiert. Deshalb brauchen wir sehr wenig öffentliche Gelder.

In Zeiten von Social Media, allgemeiner Raschlebigkeit und Beliebigkeit scheint fundierte Geschichtsschreibung ein Nischenprodukt mit schwindender Bedeutung zu sein. Könnte es sein, dass kommenden Generationen auch plötzlich längere Zeiträume «fehlen»?
Ich glaube, eher das Gegenteil wird der Fall sein. Die Datenflut verlangt nach Orientierung und es braucht Leute, die sich darum kümmern. Die offizielle Geschichtsschreibung wird von der öffentlichen Hand finanziert und muss sich deshalb nicht am Markt beweisen. Es gibt auch viele Leute, die sich als Hobbyhistoriker betätigen. Deshalb sehe ich diesbezüglich nicht schwarz.

Welches war für sie der krasseste Punkt in der Solothurner Geschichte?
Das war sicher die Erfindung der Legende um St. Urs und Viktor. Sie war entscheidend für die Entwicklung von Solothurn.

Angenommen, Sie könnten sich dreimal beliebig in die Vergangenheit zurückbeamen – an welchen Daten wären Sie gerne in Solothurn gewesen?
(zögert) Nun, ich würde sofort fragen, ob ich wieder zurück könnte. Nein, sonst würde ich nicht gehen. Aber eigentlich möchte ich gar nicht zurück. Vielleicht wäre ich gerne dabei gewesen, als 1962 die Galerie Bernard am Stalden eröffnet wurde. Das war der Aufbruch zur heutigen Solothurner Kulturszene. Doch Quellen sind so eine schöne Zeitmaschine. Ich bin glücklich im Archiv, wenn ich beispielsweise in einer «Solothurner Zeitung» vor 100 Jahren versinken kann.

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Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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