Stadtbummel Solothurn
Hinter imposanten Mauern

Lucien Fluri
Lucien Fluri
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Wir kommen nicht um die Kirchen herum.

Wir kommen nicht um die Kirchen herum.

Andreas Kaufmann

Morgens um halb zehn. Da beginnt in Deutschland ganz gemütlich die Pause. Hat jedenfalls mal die Knoppers-Werbung erzählt.

Sonntagmorgens, kurz nach halb zehn, da macht in Solothurn die Gemütlichkeit Pause. Die Kirchenglocken schlagen um die Wette. Es wird lauter und lauter gegen das Franziskanertor. Da die christkatholische, dort die reformierte. Mit einer geballten Ladung zeigen die Kirchen, dass sie noch da sind. Doch die klerikale Machtdemonstration steht in krassem Gegensatz zur Leere, die sonntags um halb zehn auf Solothurns Gassen herrscht. Die Stadt macht Pause. Dem Ruf der Glocken zu folgen, scheint ein hartes Pflaster.

Wir Solothurner kommen nicht um die Kirchen herum. Die steinernen Bollwerke zu Jesuiten und St. Ursen dominieren die Altstadt, viel zu gross geraten für eine solch kleine Stadt. Rund um die Stadtmauern prägen noch immer die Klöster mit ihren grossen Landflächen das Ortsbild. Ihre Gebäude werden bleiben, auch wenn in ein paar Jahren die letzten Nonnen uns verlassen. Weltlich und profan wird man sich dann im Angesicht des Kommerzes um die sakrale Hinterlassenschaft streiten – wie jetzt beim Kapuzinerkloster.

Solothurn ist eine Kirchenstadt. Ihre steinernen Hüllen prägen unseren Alltag. Aber ihr Inhalt? Was hat der Durchschnittssolothurner noch damit zu tun?

Ich frage mich das, wenn mal wieder Fitnesswütige (die neue Religion?) auf der St.-Ursen-Treppe rumturnen, als ob ein solches Gebäude nicht nach Distanz schreien würde.

Ich frage mich das, wenn mal wieder scharenweise Soldaten zur Brevetierungsfeier in die St.-Ursen-Kathedrale strömen. Wie lässt es sich rechtfertigen, dass eine Organisation, die für den Kriegsfall gemacht ist, in einer Kirche feiert? Hierarchisch, auf Männer fixiert und leicht angestaubt sind ja beide Organisationen. Aber reicht das?

Ich frage mich das, wenn ich mal wieder an der Baselstrasse entlang fahre und den Bischofssitz sehe. Was für ein Bauwerk! Dann weiss ich wieder, dass wir Bischof sind. Aber wüsste ich es sonst? Nehmen Sie den Bischof von Basel in Solothurn überhaupt wahr? Würde nicht die rührige Sara Martina noch immer auf dem Velo durch die Gassen fahren, ich sähe vor dem Gemäuer keinen Kirchenvertreter in meinem städtischen Alltag.

Einer, der sich aus dem Gemäuer hervorgewagt hat, ist vergangenen Sonntag im Fernsehen aufgetreten. Niklas Raggenbass, der frühere Stadtpfarrer. Er hatte den Mauern ein Gesicht gegeben, hatte sich zur Fasnacht geäussert, hatte diskutiert, Kolumnen geschrieben. Jetzt lebt er ausserhalb der Kirchenmauern, betreibt mit einer Frau ein Restaurant, wie wir endlich erfahren haben. Den Herrgott kann man bei ihm vielleicht nicht mehr finden. Aber dafür das Herrgöttli bestellen. So ändert sich das.