Der Titel des 32. Neujahrskonzertes der Stadt Solothurn versprach einiges – vor allem Himmlisches. Kurz bevor zwei Barockengel namens Ursula und Victor alias Studer & Stampfli im gedämpften Scheinwerferlicht majestätisch, aber auch etwas verlegen durch die Bühnentür traten, suchte das Publikum im Konzertsaal verzweifelt nach den letzten verfügbaren Sitzgelegenheiten. Der Saal war zum Bersten voll, die Stimmung gespannt heiter.

Dass das Duo aus einer anderen Welt kam, war allen klar. Weisse Flügel, ein Heiligenschein aus derselben Farbe und himmlische Töne wiesen auf etwas Überirdisches hin. Zwei Unschuldsengel also? Weit gefehlt. Das Solothurner Künstlerpaar Rahel Studer und Philipp Stampfli, eine klavierspielende Sängerin und ein singender Pianist, setzte auf ein schräges, skurriles und perfekt inszeniertes Liederprogramm. Kaum waren sie – im Gepäck zwei Ukulelen und ein Glockenspiel, auf der Bühne ein «himmlischer» Flügel – sanft in der Barockstadt gelandet, streiften sie durch Solothurns Gassen und entdeckten einiges. Vor allem Barock und viel Gold in allen Variationen. So wie einst der Dichter Carl Spitteler, der noch lange von der Märchenstadt mit den goldenen Dächern schwärmte.

Von Casanova bis Josef Reinhart
Doch die Entdeckungsreise der Klavier- und Gesangskünstler, die beruflich als Gesangs- und Chorleiter tätig sind, ging weiter. Sie trafen auf Casanova und besangen die unerfüllte Liebesnacht des schmachtenden Frauenhelden (z’Nacht si alli Chatze schwarz) und brachen eine Lanze für den fast in Vergessenheit geratenen Heimatdichter Josef Reinhart aus dem Galmis. Es wurde einem warm ums Herz, als das Duo a cappella zum Lied «Es het deheim e Vogel gsunge» überleitete, um dann fliessend einen Übergang zum Welthit «La Paloma» zu schaffen. Bodenständiger wurde es wieder bei «Gygeli, gygeli Brotisbei, lüpfet ’s Füessli, lüpfet d’Bei! ’s chunnt e Zyt, es chunnt e Tag, wo me se nümme lüpfe mag», ein Josef-Reinhart-Lied, das eine ganze Generation verzückte. Selbst ein Abstecher zur «Verena in der Schlucht» (die überall gebraucht wird) bereicherte das Programm auf höchstem Niveau. Das Gleiche galt für die Ode an die chinesischen Touristen, die seit dem Kauf des «Krone»-Mobiliars gern gesehene Gäste sind.

Doch die beflügelten Himmelsboten liessen das Publikum nicht nur zuhören. Beim Refrain des Solothurnerlieds war auch dieses gefordert. Allerdings kam der Gesang nur zögerlich über die Lippen. Um einiges lauter waren die Begeisterungsstürme, die immer wieder den Saal beben liessen und schliesslich in einer Standing Ovation endeten. Deutlich brachte das begeisterte Publikum den Wunsch nach Zugaben zum Ausdruck, bevor man sich heiter und beschwingt zum von der Stadt offerierten Neujahrsapéro in den kleinen Konzertsaal begab. «Die sind ja besser als die Madonna», sagte ein älterer Herr, bevor er sich sichtlich gerührt auf den Heimweg begab.

Von einem «grossartigen Anlass» sprach auch Stadtpräsident Kurt Fluri zu Beginn des Konzerts. In seinem Jahresrückblick bedauerte er, dass sich ausser Zuchwil sämtliche beteiligten Gemeinden gegen eine Fusion ausgesprochen hätten.