Stadt Solothurn
Hier werden Blicke auf die Aare gestört, dort ist der Zutritt ganz verboten

Verweilen am Aareufer gehört nicht nur im Sommer zum Solothurn-Erlebnis schlechthin. Doch nicht überall ist das möglich – oder stimmungsvoll. Viele Gebiete der Uferzone sind nicht öffentlich zugänglich. Bei Anderen mangelt es an Attraktivität.

Wolfgang Wagmann
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Das Bürgerhaus und zwei Privatliegenschaften nehmen die Hälfte des historischen Vorstadtufers ein
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Hier könnte an sich ein Steg zum Rollhafen gebaut werden
Am Postplatz sieht die Stadt noch am ehesten die Möglichkeit, das Aareufer zu attraktivieren.
Der Postplatz birgt noch erhebliches Potenzial zur Aufwertung des Aareraums
Die andere Hälfte des historischen Vorstadtufers gehört dem alten Spital
Ebenfalls wenig attraktiv präsentiert sich der Uferplatz beim Kunstraum Medici
Der Bereich unter der Krummturmschanze ist ebenfalls Privatbesitz
Spezielle Aaresicht im öffentlichen Pärkli an der Römerstrasse
Stadtsolothurner Aareufer ist nur streifenweise für alle begehbar
Ein Privathaus mit direktem Aareanstoss an der Römerstrasse
Ein Privatgrundstück am Nordufer der Aare neben der Obachmündung
Dieser Uferabschnitt an der Römerstrasse ist öffentlich zugänglich
Sportanlagen wie das Bootshaus des Ruderclub sind nur einem Teil der Öffentlichkeit zugänglich
Das Pootshaus der Pontoniere und eine Privatliegenschaft machen den Zugang zum Südufer unmöglich

Das Bürgerhaus und zwei Privatliegenschaften nehmen die Hälfte des historischen Vorstadtufers ein

Wolfgang Wagmann

Westlich der Altstadt soll mittel- bis langfristig ein durchgehender Rundweg entlang der Aare eingerichtet werden. Die Möglichkeiten dazu abzuklären, fordern die CVP/GLP und die SP vom Stadtpräsidium in einer Interpellation. Während im Osten der Stadt und in der Altstadt selbst das Aareufer fast überall zugänglich sei, gebe es im Westen nur partiell freien Zutritt. Ob sich dies durch Steglösungen, Vereinbarungen mit Privateigentümern oder Anpassungen auf bestehendem öffentlichem Grund verbessern lasse? Wo besteht Potenzial für solche Verbesserungen, und wo, aber auch weshalb ist ein Spazierweg am Aareufer ausgeschlossen?

Kein Recht auf freien Zutritt

Für einen freien Zutritt zu See- und Flussufern macht sich der Verein «Rives Publiques» stark. Doch auch er musste nach Abklärungen des Bundesamtes für Raumentwicklung akzeptieren, dass das Bundesrecht keinen solchen, direkt anwendbaren Anspruch gewährt. Das Bundesamt betont jedoch, «die Kantone sollten dem Zugang zu See- und Flussufern einen hohen Stellenwert beimessen».

Für das Stadtpräsidium ist die Situation im Westen Solothurns insofern vertrackt, als etliche Privatgrundstücke bis an die Aare reichen. So sind zwischen der Wengi- und Westumfahrungs-Velobrücke von 560 Metern Nordufer nur 240 öffentlich zugänglich, im Süden sind 190 von 560 Metern im Privatbesitz. Da die Bauten teilweise bis ans Wasser reichen, dürften auch Vereinbarungen über ein öffentliches Wegrecht kaum möglich sein, ausser man greife zum äussersten Mittel – der Enteignung.

Wo man doch Land sieht

Bereits 2014 hatte die SP-Stadtpartei in einer Motion verlangt, es sei der freie, ganzjährige Aarezugang auf dem Badi-Areal zu prüfen. «Unmöglich», befanden die Stadtbehörden damals, und die Genossen zogen den Vorstoss zurück. Die Stadt entzieht aber auch selbst Aareufer durch Baurechtsverträge mit Wassersportvereinen. So belegt der Ruderclub Solothurn mit seinem Bootshaus einen längeren Streifen des Nordufers, während schräg gegenüber auf der Vorstadtseite der Pontonierfahrverein sein Clubhaus mitsamt Umschwung direkt an der Aare besitzt. Die Pontoniere ermöglichen aber wenigstens wie am letzten Wochenende mit ihrem Strandfest der Öffentlichkeit einen kurzfristigen Zugang zu ihrem Uferparadies.

Keine Steglösung sieht die Stadt insbesondere dort, wo die Bielersee-Schifffahrtsgesellschaft BSG ihre Liegplätze hat und deren Zugang, aber auch der Wenderaum in der Aare selbst gewährleistet werden muss. Eigentlich macht das Stadtpräsidium nur gerade an einer Stelle Attraktivierungs-Potenzial aus: am Postplatz.

Die triste Parkierungs- und Verkehrsfläche vor dem ebenso tristen Swisscom-Bau, der inzwischen in Privatbesitz ist, soll auch laut dem neuen Stadtentwicklungskonzept ein Umgestaltungs-Schwerpunkt sein. Eine Verkehrsstudie und ein Studienauftrag zum Postplatz seien bereits erfolgt, zudem werde ein Teil des Platzes ohnehin einen umfangreichen Kanalisationsersatz erfahren, lässt das Stadtpräsidium die Interpellanten in seiner Antwort wissen.

Die Angst vor Eingriffen

«Den Neckar noch immer nicht richtig entdeckt»

In der Solothurner Partnerstadt laufen seit den 90er-Jahren Bemühungen, die Uferzone des Neckars zu attraktivieren. Erste Anregungen für eine dortige Gastro-Meile nahm die Stadt Heilbronn zögerlich auf, doch 2012 wurde die Promenade bei einer Investition von 1,24 Mio. Euro realisiert. Erst in diesem Sommer sei der Durchbruch gelungen, so die «Heilbronner Stimme», «nicht nur an lauen Sommerabenden, schon über Mittag sind viele Strassenlokale gut besucht.» Gut ein Dutzend Lokale beleben das Neckarufer, deren Wirte vor allem ein Problem haben: Die Stadt verordnete einen freien Streifen zwischen Tischen und Stühlen sowie den Restaurants, was ständiges Konfliktpotenzial zwischen Servicepersonal und Velofahrenden in sich birgt. Ein Wirt, der bereits 2006 auf das Neckarufer gesetzt hatte, meint zwar, 80 Prozent seiner Gäste seien auswärtige Besucher, die Heilbronner selbst hätten «den Neckar immer noch nicht richtig entdeckt». Das könnte sich bis 2019 allerdings ändern, wenn die Promenade wichtiger Erschliessungsweg zur Bundesgartenschau Buga wird, die dann in Heilbronn stattfindet. Nicht regelmässig genutzt wird eine eigens eingerichtete Wasserbühne, sodass sich dort auch öfters Randständige und junge Leute tummelten, die einigen Abfall hinterlassen würden. Im weiteren achtet die Stadt bei den Lokalitäten der Neckarpromenade auf eine passende Möblierung: Knallige Sonnenschirme oder billige 10-Euro-Plastikstühle sind ein absolutes «No-go». (ww)

Vor diesem Hintergrund ist zweifelhaft, ob am Postplatz dereinst eine «grosse Lösung» mit dem Aufbrechen der dortigen, keineswegs historischen Aaremauer möglich wird. Noch utopischere Ideen wie beispielsweise ein Ufersteg auf Wasserhöhe zwischen dem (zu öffnenden) Rollhafen und dem «Aaremätteli» bei der Wengisbrücke sind da kaum zu wälzen. Das «Aaremätteli» wurde in den Neunzigerjahren wegen der offenen Drogenszene hermetisch abgesperrt, genauso wie die öffentliche WC-Anlage – und niemals wieder geöffnet. Immerhin durfte die Pizzeria im Bürgerhaus nach langem Ringen eine Terrasse mit Aareblick anhängen – darunter eine öffentlich zugängliche Plattform für Schwimmende und «Boat-People» würde jedoch wohl nur das Potenzial für einen neuen Nutzungskonflikt bieten.

Der zugebaute Aareblick

Öffentlich zugängliche Uferbereiche müssen nicht zwangsläufig attraktiv sein. Immer noch in der allgemeinen Kritik steht der «Holzbunker» der Kantonspolizei, der im Bootshafen den Gästen des jetzt «Pier 11» genannten Restaurants den freien Blick auf die Aare raubt. Weiter stadteinwärts, im öffentlich zugänglichen Aarepark «Aarhof» verwehrt die versprayte Rückwand eines alten Bootshauses den an sich hübschen Ausblick auf den Krummen Turm.

Den schönsten Ausblick auf das Vorstadt-Ensemble mit der Schanze hat man auf einer kleinen Plattform zu Füssen des Kunstraums Medici, der meist mit geschlossenen Jalousien den zwar öffentlich begehbaren Aare-Uferweg beherrscht. «Ich wusste gar nicht, dass hier so ein wunderschöner Platz ist», wunderte sich diesen Sommer eine bald 60-jährige Schwimmerin, als sie diesen wenig bekannten Ausstieg bei der Obachmündung erstmals benützte. Die versprayte Rückwand zum Kunstraum und oft dubiose Besucher machen die Plattform allerdings nicht gerade zum gastlichen Aufenthaltsraum. Schon in den Siebzigerjahren hatte Solothurn von einer ersten echten Aarebeiz im damaligen Kully-Haus geträumt. Die Stadt vergab aber das später umgebaute Haus im Baurecht als Kunstraum und machte lediglich die Auflage, dass der Weg davor entlang der Aare öffentlich bleiben müsse. Etliche empörte Solothurnerinnen und Solothurner nannten in der Folge das Haus nur noch «Lugi-Huus» – sie hätten lieber ein Restaurant mit einer wirklich öffentlichen Nutzung gesehen. Eine solche käme auch dem leicht verwahrlost wirkenden Vorgelände zugute – doch damit wird es auf längere Zeit nichts: Die Stadt verlängerte erst 2012 den bisherigen Baurechtsvertrag mit Roberto Medici um sage und schreibe 30 Jahre bis 2042.

So gesehen ist nachvollziehbar, warum sich für Stadtpräsident Kurt Fluri «im Bereich Medici» aber auch anderswo keine Änderungen aufdrängen. Sein genereller Befund: «Im Bereich der 560 Meter Aare im Perimeter Eisenbahnbrücke bis Velobrücke Westtangente sind beidseits bereits grosse Teile der Aare zugänglich und erlebbar. Weitere Massnahmen sind aus unserer Sicht im öffentlichen Areal nicht notwendig und bei den privaten Grundstücken nicht realisierbar.»

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