Im Kulturkeller der Reformierten Stadtkirche herrscht emsiges Treiben. Menschen über alle Generationen hinweg begrüssen sich wie alte Freunde, die ein gemeinsames Ziel haben. Und in der Tat: In knapp einer Stunde werden sie als Heilige Familie, Hirten, Weise aus dem Morgenland und römische Legionäre durchs Bieltor in die Stadt einmarschieren und die Leute daran erinnern, dass Weihnachten mehr ist, als sich gegenseitig beschenken und kulinarischen Höhenflügen huldigen. «Wir möchten die Menschen an die Geburt Jesu erinnern», sagt Urs Dummermuth von der BewegungPlus. Diese hat die «Weihnachtsreise» vor acht Jahren ins Leben gerufen und führt den Anlass seither regelmässig am ersten Sonntagsverkauf zusammen mit der Landeskirche und anderen Freikirchen durch.

Über hundert Männer, Frauen, Kinder, Kamele, Esel und Schafe sind inzwischen daran beteiligt. «Der Schafzüchter achtet extra darauf, dass junge Schafe zur Verfügung stehen, denn sie sind die Lieblinge der Kinder», freut sich Urs Dummermuth.

Herodes muss den Kopf hinhalten

Im Untergeschoss der Stadtkirche sind inzwischen sämtliche Kleider ausgepackt worden. Wo man hinsieht wird gezupft, drapiert und zurechtgerückt. Klaus Wloemer, Pfarrer der Christkatholischen Kirchgemeinde, versucht mit ernster Miene den Kopf einer Frau mit einem Kopftuch zu bedecken, das seiner Ansicht nach «viel zu gross ist». Seinen Kopf herhalten muss auch Herodes, der in der Schminkecke Platz genommen hat.

Römer, Hirten und Koordinatoren begutachten sich gegenseitig. Vor dem riesigen Spiegel herrscht Hochbetrieb. «Es ist faszinierend, ein Stück lebendige Geschichte mitzugestalten», sagt Daniel Graf. Fast alle im Raum sind im Laufe der Jahre in verschiedene Rollen geschlüpft. «Heute bin ich ein Kameltreiber», lacht Graf, während die Hirtin Maria Giustino bekennt, dass sie einst als biblische Maria auf dem Markplatz das Publikum an die Weihnachtsgeschichte erinnerte.

Angesichts der Nervosität, die immer mehr um sich greift, hat sich die diesjährige Maria, Mirjam Recher, in einen Nebenraum verzogen. An ihrer Brust nippt ruhig und gelassen die am 8. November geborene Tochter Louisa. Frieren wird das neu erkorene Jesuskind, das erstmals an die Öffentlichkeit tritt, nicht. Zwei weisse Wolltücher und der Schoss der frischgebackenen Mama werden sie warm halten. «Wir haben uns gemeldet, als in unserer Kirche schwangere Frauen gesucht wurden», erzählt die Oltnerin, deren dunklen Haare einen schönen Kontrast zum dezenten blauen Umhang bilden. Nichts von dieser kleinen Szene im Nebenraum erfährt Herodes, der nun gross und mächtig im roten Kleid zwischen den Hirten steht und von einer Helferin noch mit Goldschmuck beglückt wird.

Kamel und Esel warten schon

Fast eine Stunde ist vergangen, und der Raum beginnt sich zu leeren. Alles strömt ins Freie, wo Kamel und Esel warten. «Einstehen bitte», ruft eine Frau mit bestimmter Stimme. Die römischen Legionäre greifen zu ihren Speeren und blasen in ihre Trompeten. Beim Burisgraben richten die ersten Zuschauer ihre Blicke auf den ungewöhnlichen Zug, der sich langsam in Bewegung setzt. Unter ihnen auch eine Gruppe von Asylbewerbern, bei denen das Aufkommen von heimatlichen Gefühlen nicht auszuschliessen ist.

«Die Leute wissen gar nicht mehr, was Weihnachten bedeutet», bestätigt eine Frau mit ein paar Plastiksäcken in der Hand, die Vermutung von Urs Dummermuth. Sie steht vor dem Bieltor, wo sich die römische Besatzungsmacht inzwischen positioniert hat. Wer keinen Fluchtweg findet, muss sich einschreiben lassen.