Referat
Heisst es bald Gletscher ade?

Im Vergleich zum globalen Mittel ist die Erwärmung des Klimasystems im schweizerischen Alpenraum rund doppelt so stark. Der Klimaforscher Thomas Stocker warnt in Solothurn vor den Folgen des Klimawandels.

Katharina Arni-Howald
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Die Klimaerwärmung trifft die Schweiz besonders fest: Die Gletscher können bis 2100 bis zu 90% abnehmen.

Die Klimaerwärmung trifft die Schweiz besonders fest: Die Gletscher können bis 2100 bis zu 90% abnehmen.

KEYSTONE/ARNO BALZARINI

Unter dem Titel «Sag mir, wo die Gletscher sind» liess die 2000-Watt-Region Solothurn im Rahmen der diesjährigen Mitgliederversammlung den renommierten und weltweit bekannten Schweizer Klimaphysiker Thomas Stocker zu Wort kommen.

Sein Referat verhiess nichts Gutes. «Seit dem im November veröffentlichten Klimabericht ‹Brennpunkt Klima Schweiz› besteht kein Zweifel mehr, dass der beschleunigte Anstieg der CO2-Konzentration weitreichende und unumkehrbare Auswirkungen auf die Menschheit und das Ökosystem haben», betonte der am Physikalischen Institut der Universität Bern tätige Professor im vollbesetzten Kleinen Saal des Alten Spitals.

Dass die Schweiz keine Insel ist und nicht nur die Lebensbedingungen, sondern auch die Identität des Landes durch die Gletscherschmelze in Gefahr kommt, ist nach den Worten von Stocker eine Tatsache, die zum Nachdenken auffordert. Die Gletscher ziehen sich unaufhaltsam zurück, und die Folgen nehmen immer bedrohlichere Ausmasse an. «Wenn wir so weitermachen, wird die Gletscherfläche 2100 um die 90 Prozent abgenommen haben», warnte der Klimaforscher, der am schweizerischen Klimabericht massgeblich beteiligt war.

Beträgt der mittlere globale Temperaturanstieg seit 1850 bis Ende dieses Jahrhunderts zwei Grad Celsius, ist er in der Schweiz mit vier Grad doppelt so hoch. «Ein Sommer, wie wir ihn 2003 erlebt haben, könnte zum Normalfall werden», warnte Stocker und fügte bei: «Beim Klima kam es immer wieder zu Schwankungen, aber ein derart rasanter Anstieg der Temperatur hat es in den vergangenen 500 Jahren nicht mehr gegeben.»

Von den Auswirkungen betroffen seien insbesondere ältere Menschen gewesen, und die Todesfälle in diesem Alterssegment hätten massiv zugelegt. Das Fazit: «Das war ein Fenster in die Zukunft, das wir ernst nehmen müssen.»

Wenn es so weitergehe, würden die Niederschläge im Winter weiter zunehmen und im Sommer abnehmen. Ein kürzer werdender Winter könnte nebst dem Gletscherschwund das Touristenland Schweiz massiv treffen.

Kein leichter Weg

Wie aber können derartige Szenarien, die auch bei der Pariser Vereinbarung auf den Tisch gelegt wurden, vermieden werden? «Wir müssen dafür sorgen, dass der CO2-Ausschuss, der beim Klimawandel die Hauptrolle spielt, rasch sinkt, die Abholzung der Tropenwälder gestoppt und auf erneuerbare Energien gesetzt wird», so Stocker. Das sei kein leichter Weg, vor allem nicht, weil der Einfluss der Menschen auf das Klima unbestritten sei.

Um das aus dem Gleichgewicht geratene Ökosystem wieder herzustellen, brauche es ein politisches Lenkungssystem, persönlichen Mut und den Willen, etwas zu ändern. Die Kosten in mehrfacher Milliardenhöhe seien zu bewältigen: «Sie beanspruchen ein Prozent des Bruttosozialprodukts, was mit anderen Worten heisse: ‹24 Minuten Arbeit pro 40 Stunden.›»

Aufgelockert wurde der Abend durch die Slam-Poetin Amina Abdulkadir, die in kurzen Intermezzi ihre Sicht auf den Klimawandel vortrug, Rosmarie Zimmermann vom kantonalen Amt für Umwelt und Christine Clappasson, Leiterin der Fachstelle EnergieCO2 von Coop Schweiz. Als Moderator wirkte Jakob Fuchs, der auch durch die Fragerunde führte.