Der mit 60'000 Franken dotierte «Prix de Soleure» für ein Werk, das «eine humanistische Grundhaltung überzeugend filmisch umsetzt», ging an «Vol spécial» von Fernand Melgar. Sowohl Jury wie Publikum kamen so in Wettbewerben mit wenigen neu entdeckten Glanzlichtern zu nachvollziehbaren Schlüssen.

Hinsichtlich des Zuschaueraufkommens waren die 47. Solothurner Filmtage unbestritten erfolgreich. Die 55'000 Zuschauer des Vorjahres wurden nochmals übertroffen. Für die Direktorin Seraina Rohrer ist mit dem neuerlichen Besucherrekord die Kapazitätsgrenze erreicht.

«Es braucht unbedingt eine weitere Spielstätte», erklärte sie am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Finanzieren lässt sich dies allerdings nur, wenn der seit mehreren Jahren gesuchte dritte Hauptsponsor endlich gefunden wird. Das Thema steht ganz oben auf Rohrers Traktandenliste.

Auf das erste von ihr verantwortete Festival blickt sie mit Genugtuung zurück. Nicht mehr die Filmpolitik, sondern die Inhalte hätten die Filmtage geprägt. «Der Schweizer Film hat es nötig, dass man inhaltliche Fragen diskutiert», betonte Rohrer.

Solothurn korrigiert Locarno

Ein bereits ausgiebig diskutierter Film ist der «Prix de Soleure»- Träger «Vol spécial», der nach seiner Uraufführung am Festival del film Locarno auf heftige Ablehnung beim damaligen Jurypräsidenten stiess. Der portugiesische Produzent Paulo Branco glaubte, in «Vol spécial» einen faschistischen Film zu erkennen.

Der Dokstreifen berichtet von Menschen, denen der Aufenthalt in der Schweiz verwehrt bleibt, die ausgeschafft werden sollen. Melgar zeigt - ohne zu kommentieren - die Vorgänge im Gefängnis Frambois, wo Männer bis zu 24 Monate einsitzen, ohne sich eines Delikts schuldig gemacht zu haben.

Der Film «vermenschliche das Unmenschliche», hatte Branco kritisiert. Die Jury in Solothurn mit Alt Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey, dem Autor Charles Lewinsky und der Regisseurin Séverine Cornamusaz korrigiert nun gewissermassen das in Locarno ausgesprochene Urteil.

«Ich verstehe Brancos Kritik grundsätzlich nicht», betonte Cornamusaz vor den Medien. Dass Melgar weder kommentiert noch Vorgeschichten erzählt, sei gerade eine der Stärken des Films, sagte Lewinsky. Die Jury lobte die «feinfühlige und zurückhaltende Kameraführung» im Film sowie die «kritische Schilderung einer gelebten Wirklichkeit».

Zuvor hatten bereits diverse Jurys klargemacht, dass sie mit Branco nicht einig gehen - ebenso das Publikum. «Vol spécial» lockte über 28'000 Zuschauer in die Kinos und zählte 2011 zu den erfolgreichsten Schweizer Filmen. Der Dokstreifen ist zudem für den Schweizer Filmpreis nominiert.

Schub für «Die Wiesenberger»

Dem zweiten grossen Sieger von Solothurn, dem Musikfilm «Die Wiesenberger» von Bernard Weber und Martin Schilt, steht der Kinostart noch bevor. Der Träger des mit 20'000 Franken dotierten «Prix du Public» läuft in der Deutschschweiz am 23. Februar an.

An den Filmtagen feierte der Dokfilm über die Jodler, die 2009 mit «Das Feyr vo dr Sehnsucht» den grössten Schweizer Hit landeten, seine Uraufführung. Zur zweiten Präsentation traten die Jodler selbst in der Reithalle auf. Mehr Schub aus Solothurn können sich Filmemacher für ein Werk kaum erhoffen.