«Ich küsse gern und lasse mich gerne küssen», sagt Simon Broch sein nächstes Lied an und liefert den Tatbeweis. Der junge Solothurner Schlagersänger mischt sich im Konzertsaal unter die Fans, und als er wieder auf die Bühne steigt, ist sein Gesicht vom Lippenstift seiner weiblichen Fans gezeichnet.

Dass es draussen stürmt und regnet, das ist schnell vergessen. Kurz vor dem Konzert vertieft sich der 21-jährige Broch, der laut Programm «das männliche Pendant zu Beatrice Egli» werden will, in ein langes Gespräch mit einem weiblichen Fan und dankt der Frau, die es offensichtlich im Leben nicht leicht hat, für das speziell für diesen Anlass gebastelte Geschenk. Da wird es den Schlagerfans warm ums Herz. Die Lieder mit ihren schön gefärbten Texten sind für ein paar rührende Momente nicht nur Schein, sie werden wirklich gelebt.

Weisse Socken in Winnetou-Finken

Veränderung und überraschend Neues gehören dagegen nicht wirklich in einen «bunten Strauss der schönsten Melodien», wie Organisatorin Barbara Schäfer ihr «Schlager-Potpourri» umschreibt. Die immer wiederkehrenden Harmonien und stereotypen Akkordwechsel wecken schon seit über 60 Jahren die schönen Emotionen bei den Fans der Schlagermusik.

Früher war alles besser – so ähnlich sieht das auch bei den Kleidern aus. Pascal Silva, der sich selber als junger Julio Iglesias präsentiert, trägt weisse Mokkasins. Mitte der 80er-Jahre erlebten diese «Winnetou-Finken» für kurze Zeit ein Hoch. Doch weiss und erst noch in Kombination mit weissen Tennissocken wie in seinem Fall gelten sie seit 30 Jahren als modisches No-Go. Das interessiert die weiblichen Fans im Konzertsaal aber nicht. Diese stehen für ein Foto mit dem adretten Pascal Silva Schlange.

Die grosse Sympathiewelle

«Mit der Gondelbahn auf den Gipfel rauf, hoch auf den Weissenstein ...» Wenn Michelle Ryser, die laut Flyer als «quirliges Girl Lebensfreude pur versprüht», ihre Hymne auf den Solothurner Hausberg singt, dann schunkelt das Publikum verzückt, singt mit, und die Arme schwenken auf Kommando in der Luft. Eine gewaltige Sympathiewelle nach der anderen schwappt durch den Konzertsaal. Sobald der Rhythmus bei Nico Sanders, der Lieder von Vico Torriani interpretierte, etwas rassiger wird, klatschen die Leute begeister mit. «Das ist das Schöne an solchen Schlagerabenden», sagt Michelle Ryser, «die Leute kennen jedes Lied und jedes Wort des Textes. Ich geniesse diese Begeisterung.»

«Genau deshalb habe ich diesen Abend organisiert», sagt Organisatorin Barbara Schäfer. «Wenn wir in die Runde schauen, dann haben alle zusammen eine schöne Zeit.» Schäfer schätzte den Publikumsaufmarsch etwas optimistisch auf etwa 140 Leute. Das reicht nicht, um die Unkosten zu decken, da macht sich Schäfer sich keine Illusionen. «Ich werde das übernehmen. Wir ziehen das Ding durch. Wenn ich sehe, wie sich die Leute freuen, hat es sich für mich gelohnt. Das wird sich herumsprechen und ich bin sicher, dass beim nächsten Mal viel mehr Leute kommen.»