«Janus lebt weiter: Ansichten über die Entwicklung der Medizin in den letzten 30 Jahren»: Unter diesem Titel setzte sich der ehemalige Chefarzt des Bürgerspitals, Jean-Pierre Barras, bei der Töpfergesellschaft Solothurn mit der modernen Medizin und ihren Folgen auseinander.

Janus, der römische Licht- und Sonnengott mit einem Sonnen- und einem Schattengesicht, zog sich wie ein roter Faden durch den Vortrag des kritischen Mediziners, der mehrfach bewiesen hat, dass er sich nicht scheut, seine Meinung zu äussern.

Neues nicht nur zum Guten

Überaus zahlreich waren die Besucher der Einladung ins Museum Blumenstein gefolgt. Im Mittelpunkt standen aktuelle Fragen rund um die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und deren Folgen sowie technische und soziale Aspekte, die das medizinische Umfeld in den letzten Jahren massgeblich verändert haben. Nicht nur zum Guten, wie Jean-Pierre Barras wiederholt betonte. «Die moderne Medizin ist voller Widersprüche», gab der ehemalige Chirurg zu bedenken, der auch an diesem Abend kein Blatt vor den Mund nahm.

«Es geht heute nicht nur darum, den Patienten zu helfen, sondern auch um die Rentabilität, denen die Spitäler ausgesetzt sind und deren Folgen man oft nicht wahrhaben will.» Im Vordergrund stünde nicht mehr primär das medizinische, sondern das oft kurzfristige wirtschaftliche Denken. Das führe zu Uneinigkeiten zwischen den Ärzten und der Verwaltung und zu Spannungen. «Es braucht eine Korrektur und Einigkeit zwischen der Leitung und den Medizinern», ist der ehemalige Chefarzt überzeugt.

Zunehmende Amerikanisierung

«Spitäler werden heute wie industrielle Betriebe gemanagt», so Barras. Mit der zunehmenden Amerikanisierung lauere zudem überall ein Anwalt. Den gleichen Veränderungen seien auch die Privatkliniken ausgesetzt, die sich inzwischen vorwiegend in den Händen von Finanzhaien befänden. Das habe zur Folge, dass dort spezielle Krankenkassenverträge für ausgewählte Patienten ausgehandelt würden.

Als Folge des wirtschaftlichen Denkens am Bürgerspital nannte Barras die Schliessung des Spitals in Grenchen, begrüsste aber die Zusammenlegung der kantonalen Spitäler unter das Dach der Solothurner Spitäler AG soH. Demgegenüber bemängelte er die Besetzung des Verwaltungsrates durch Nicht-Solothurner. Dass Barras ein Herz für die Solothurner hat, bekundete er mit der Freude darüber, dass trotz verschiedenen Anläufen, das Bürgerspital in Kantonsspital umzubenennen, dieses seinen Namen behalten hat. «Der Solothurner Geist lebt weiter.»

Was die technischen Fortschritte in der Medizin betrifft, konnte Barras zahlreiche Neuerungen und Verfahren aufzählen, die die medizinische Welt in den letzten Jahrzehnten revolutioniert haben. Dazu gehören unter anderem der Computer, die Antibiotika, das Röntgen, die Computertomografie und die Laparoskopie (Bauchspiegelung), die heikle Operationen ersparen können. Neu dazugekommen sind die Roboter, die auch in der Medizin Einzug gehalten haben und deren Möglichkeiten und Gefahren laut Barras noch nicht absehbar sind. «Bei allen Fortschritten müssen wir uns immer auch fragen, was überlassen wir der nächsten Generation», warnte der Mediziner vor allzu viel Euphorie.

Vernachlässigte Prävention

Immer wie mehr werde auch die Lebensverlängerung ein Thema, bei der oft die Angehörigen eine grössere Rolle spielten als der Patient selbst. «Oft geschieht es aus einem schlechten Gewissen heraus und man möchte noch etwas nachholen», glaubt Barras.

Ein grosses Thema, das nur noch kurz angeschnitten werden konnte, ist die Prävention. Auch dazu hatte Barras eine klare Meinung: «Obschon man viel darüber redet, wird diese völlig vernachlässigt», rügte er die Behörden. «Wenn das Rauchen in allen öffentlichen Räumen noch mehr eingeschränkt wird, haben wir in 20 Jahren deutlich weniger Herzinfarkte.»