Stadtbummel Solothurn
Hätten wir doch nur den Böögg verbrannt ...

Wolfgang Wagmann
Wolfgang Wagmann
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Die Bööggin brannte wegen angekündigter Windböen nicht. (Archiv)

Die Bööggin brannte wegen angekündigter Windböen nicht. (Archiv)

Andreas Kaufmann

April, April! Sch... drauf! Uns ist nicht ums Scherzen. Also kein Aprilscherz. Macht auch Sinn. Stellt Euch vor: Die alte Kantonalbank wird abgerissen. Die Voliere am Amtshausplatz kommt weg. Die werte Bevölkerung ist nun aufgerufen, alle überzähligen Vögel abzuholen. Um 14 Uhr. Bitte entsprechende Käfige mitbringen! Das gab’s tatsächlich in Solothurn – an einem 1. April vor rund 70 Jahren. Und die Leute kamen in Scharen vorbei – mit ihrer «Voguchrätze». Ein Kanarienvogel sollte es mindestens sein. Ein Sittich vielleicht. Und wer weiss, vielleicht ist gar ein Papagei darunter. Der reden kann. Heute wohl nur ein Wort: «Cooorrona!»

Nachtrag

Es gab damals doch echte Vögel

Im «Stadtbummel» haben wir einen «Aprilscherz» thematisiert, als vor rund 60 Jahren die Bevölkerung aufgefordert wurde, überzählige Vögel der aufgelösten Voliere am Amtshausplatz abzuholen. Nun hat sich der Leser und Zeitzeuge Mario C. Forcella gemeldet und uns den präzisen Sachverhalt von damals geschildert.

«Als damaliger Bezirksschüler im Werkhof war ich einer der Helfer von Turnlehrer und Storchenvater Max Blösch in Altreu. Er betreute auch die damals neue Voliere in der Nähe der Rötibrücke. Nach dem Umzug vom Amthausplatz hatten wir zu viele Vögel. Was tun? Verschenken? Für die Aktion wählten wir einen Wochentag, und ich bat meinen Grossonkel und Chefredaktor des Solothurner Anzeigers um einen Bericht. Erst kurz vorher haben wir gemerkt, dass dieser gewählte Tag auf den 1. April fiel. Wir zogen es durch.»

Bedingung sei das Mitbringen eines Käfigs gewesen, erinnert sich Forcella. Und weiter: «Dutzende von Schaulustigen lachten hämisch und verspotteten die eintreffenden Vogelfreunde. Als aber die ersten Beschenkten die Voliere verliessen, wurde es still und es gab lange Gesichter. Am folgenden Tag stand in der Zeitung: Es war kein Scherz! Leider konnte ich keine Vögel nach Hause in Rüttenen nehmen, denn ich züchtete Brieftauben», so Forcella. (ww)

Und die Vögeli-Fans würden wohl im Zweimeter-Abstand anstehen, mit Schutzmasken vor dem Mund. Übrigens: Wer den zwitschernden Freunden in der heutigen Voliere einen Besuch abstatten will, soll Abstand halten. Nein, nicht zu den Vögeln, denn die Vogelgrippe ist ja kein Thema. Aber zu den andern. Oder noch besser: Lasst es gleich ganz bleiben!

Der April macht, was er will. Nur der Mensch, der macht, was ihm geheissen wird. Unglaublich, was alles passiert ist, seit man vor gut einem Monat den Böögg am Aschermittwoch nicht verbrannt hat. Ein ganz schlechtes Omen, wie sich schon bald herausstellen sollte. Denn die närrrische Abdankung – welch ein Begriff! –, das war der allerletzte Anlass, an dem sich tout Soleure noch in drei Beizen getroffen hat. Aber nicht angesteckt, sonst wäre Solothurn wohl zu einem Ansteckungs-Hotspot geworden wie jene Karnevalshochburg in Nordrhein-Westfalen.

Denken wir lieber nicht dran. Dafür haben wir jetzt ohnehin Fastenzeit. Da schränkt man sich ein. Im Mittelalter gab es während sechseinhalb Wochen kein Fleisch mehr. Heute haben wir es doch viel besser. Aha, Schnecken durfte man damals auch noch essen, Mitte der Fastenzeit. Micarème nennt sich der Brauch. Gelebt noch von der Narrenzunft Honolulu. Besinnlich-sinnlich mit Predigt, dann Schnecken an Kräuterbutter und Sauerkraut. Gab’s diesmal nicht. Genauso wenig wie den Gondeli-Jass auf den Weissenstein retour. Auch wenn vier gerade noch hätten zusammensitzen dürfen. Aber das mit dem Abstand geht definitiv nicht. Auch maskiert und mit «Häntsche» nicht. «Stöck, Wiis, Stich ins Herz.» Es war ein stinklangweiliger März.

Der April wird nicht besser. Nicht einmal das neue Fasnachtssujet haben wir wie sonst immer um diese Zeit. Wird über den Korrespondenzweg erkoren. Hätten wir doch nur den Böögg verbrannt ...

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