Solothurn
Hat die Stadt zu viel Gift beim Burristurm eingesetzt?

Beim Herbizid-Einsatz am Burristurm in Solothurn traf es nicht nur die richtigen Pflanzen. Einige Anrainer trauten sich danach nicht mehr, draussen einen Kaffee zu trinken. Was war geschehen?

Wolfgang Wagmann
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Hat die Stadt Solothurn zu viel Gift beim Burristurm eingesetzt?
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Der Quittenbaum mit Blattbräunug unmittelbar neben dem Turm soll krank sein
Gegen diese Bewachsung ging der Werkhof mit grobem Geschütz vor
Diese Platane mit Blattbräung an der Nordringstrasse soll ebenfalls krank sein
Dank Herbizid-Einsatz sind die Polsterpflanzen an der Turmmmauer abgestorben
Diese Muttitürmli genannten Polsterpflanzen am Riedholzturm sind noch grün
So sah die St. Ursen-Bastion nich vor wenigen Jahren aus
So zeigte sich der Riedholzturm am Classic Openair vor zwölf Jahren
Die Schanze nach der Reinigung
Die St. Ursenbastion wie sie heute aussieht

Hat die Stadt Solothurn zu viel Gift beim Burristurm eingesetzt?

Solothurner Zeitung

Seit gut zwei Jahren wird dem unerwünschten Bewuchs der Solothurner Stadtbefestigungen energisch zu Leibe gerückt. Wenn es sein muss, auch mit deftigen Unkrautvertilgungsmitteln, sogenannten Herbiziden. Ein solcher Einsatz, der laut Andrea Lenggenhager, Leiterin Stadtbauamt, am 11. und 12. Juni am Burristurm oder Kulturm erfolgt ist, wirft nun Fragen auf. «Das Wetter war heiss und trocken bei Temperaturen von 28 Grad, und es wehte eine leichte Bise», hat sie die damaligen Bedingungen recherchiert. Was schon einmal wichtig ist, denn bei Regen sollte das gewählte Mittel Garlon 4 nicht eingesetzt werden.

Schäden wurden behoben

Für die Nachbarschaft war der Herbizid-Einsatz am warzigen Steinkleid des Muttiturms vorerst nur eine eher lästige Episode. «Wir trauten uns nicht mehr, unseren Kaffee draussen auf dem Vorplatz zu trinken», erinnert sich eine Coiffeuse, die zusammen mit einer Kollegin einen Salon gleich neben dem Turm betreibt, an die Turmreinigung.

Bald zeigten sich aber weitere Folgen der Aktion: Lavendel direkt unter der Mauerrundung ging ein, Rosenstöcke wurden braun und auch der Rasen sah gar nicht mehr proper aus. Die Eigentümerin des Nachbarhauses wurde nun bei der Stadt vorstellig. Andrea Lenggenhager: «Die zuständigen Personen vom Werkhof waren auf dem Platz. Sie haben die nötigen Massnahmen getroffen und eingeleitet. Dabei ging es um das Ersetzen des Lavendels, das Zurückschneiden der Rosenstöcke und Nachsäen des Rasens.»

Herbizid Garlon 4: Ein Cocktail der Giftklasse 5, der es in sich hat

Garlon 4 nennt sich das eingesetzte Mittel, ein Herbizid (Unkrautvertilgungsmittel), das in der Giftklasse 5 angesiedelt ist. Es werde zur Bekämpfung von Problemunkräutern – insbesondere Wiesenbärenklau und Brennnesseln auf Wiesen und Weiden sowie von Bärenklau-Arten und grosser Brennnessel auf Nichtkulturland eingesetzt, antwortet auch Andrea Lenggenhager, Leiterin Stadtbauamt, auf eine entsprechende Frage. Ein Anbieter von Garlon 4 macht allerdings im Internet-Produktbeschrieb darauf aufmerksam, dass das Mittel nicht für den Haus- und Kleingartenbereich zugelassen ist, nur von Personen mit Pflanzensachkunde erworben werden darf und der Einsatz nur auf Kulturflächen erfolgen sollte. Für den Einsatz auf befestigten Plätzen und Wegen oder Hofflächen brauche der Einsatz eine schriftliche Bewilligung. Eine solche kann sich das Stadtbauamt natürlich selbst ausstellen. Der Grund für die Bewilligungspflicht: Auf festem Grund besteht die Gefahr von Abschwemmungen. Denn im EG-Sicherheitsblatt wird zu Garlon 4 unter dem Punkt «Toxizität» explizit gewarnt: «Der Stoff ist sehr giftig für Wasserorganismen.» Weiter folgt die äusserst interpretierbare Aussage: «Nach den strengen OECD-Versuchsrichtlinien kann dieses Material nicht als biologisch leicht abbaubar betrachtet werden, allerdings bedeuten die Versuchsergebnisse nicht unbedingt, dass das Material unter Umweltbedingungen nicht abbaubar ist.»
Doch auch für den Menschen ist der Einsatz des Herbizids, der nur bei trockenem Wetter erfolgen sollte, nicht ohne Risiken. Hautreizungen oder Augenschäden sind Risiken, wenn nicht entsprechende Schutzkleidung und vor allem auch Handschuhe bei der Arbeit getragen werden. Offenbar ist man sich dessen im Stadtbauamt bewusst, denn Andrea Lenggenhager hält zu diesen Punkten fest: «Die Mitarbeiter sind beim Einsatz von Giftstoffen mit den entsprechenden Schutzkleidern ausgerüstet.» Und zu den vorher erwähnten Punkten meint die Leiterin Stadtbauamt: «Es ist zu beachten, das ein genügender Abstand zu Gewässern eingehalten wird und das Mittel nicht auf verdichteten Oberflächen angewandt wird, da es sonst abgeschwemmt werden kann.» Ob die Mauern des Burristurms nicht doch eine «verdichtete Oberfläche» sind, bleibt dagegen eine offene Frage. Immerhin wird Garlon 4 beim Einsatz stark verdünnt: Bei der angewandten Einzelpflanzenbehandlung werden 50 Milliliter Garlon 4 auf 10 Liter Wasser berechnet. (ww)

Bäume sind krank

Doch gab es weitere Gründe zum Stutzigwerden: Das Quittenbäumlein im Vorgarten zum Amthausplatz trug plötzlich braun verfärbte Blätter. Und auch der letzte Baum der Nordringallee gleich neben dem Burristurm, eine Platane, zeigt sich heute in einem bräunlich eingefärbten Blattkleid. «Der Quittenbaum hat eine Krankheit. Diese heisst Monilia und kann nach dem Abblühen erfolgen. Es handelt sich hier um eine Krankheit, welche vor allem die Obstbäume befällt», ist Lenggenhager überzeugt. «Wenn sich die Blätter grün, gelb oder braun verfärben, ist dies ein Anzeichen für diese Krankheit. Wir gehen davon aus, dass der Quittenbaum nächstes Jahr wieder gesund blühen kann.» Der Werkhof habe der Hauseigentümerin versichert, dass der Baum überwacht werde. Sollte er sich nicht mehr erholen, werde man ihn «selbstverständlich ersetzen».

Auch die Platane sei nach dem Befund des aufgebotenen Baumpflegers und Stadtgärtners wohl krank. Dies, weil die Blätter des Baumes nicht nur Richtung Burristurm, sondern rundherum braun seien. Der Platane «fehlt eine Baumgrube und sie ist von Asphalt umgeben. Somit erhält der Baum kaum Wasser», sieht die Leiterin Stadtbauamt keinen Zusammenhang mit dem Herbizid-Einsatz.

Künftig mit Blachen abdecken

Das Mittel werde übrigens «rein situativ und nur bei zwingendem Bedarf punktuell eingesetzt», betont Andrea Lenggenhager. Die Anwendung – auch bei Einzelstockbehandlungen von Brombeeren, Brennnesseln oder Stockausschlägen – erfolge mit einer Handpumpe, damit die Menge «gut und gezielt dosiert werden kann». Damit sterbe die Pflanze innert zwei Tagen ab. «Dieses Herbizid wird, wie bei allen Giftklassen, sicher nur dort eingesetzt, wo es wirklich notwendig ist.» Beim Entfernen von Pflanzen und Gräsern an historischen Mauern sei die Anwendung jedoch «angemessen». Denn, so Andrea Lenggenhager, würden die Pflanzen aus den Fugen gerissen, könnte sich der Stein an gewissen Stellen lösen. «Das würde im Winter wieder zu Abplatzungen führen, da Wasser in die Mauer eindringen kann.»

Nebst dem Hinweis, dass die Werkhofmitarbeiter durch Stadtgärtner Martin Geissbühler für den Herbizid-Einsatz und auch die Entsorgung von Giftstoffen geschult seien, macht Andrea Lenggenhager aber auch klar, dass allenfalls ein zweiter Herbizid-Einsatz erfolgen müsse, «um das gewünschte Ziel erreichen zu können». Da aber trotz zurückhaltendem punktuellem Einsatz Schäden nie ganz auszuschliessen seien, werde man künftig die Umgebung direkt unter der Arbeitsstelle mit Blachen abdecken. «So wird sichergestellt, dass beim Besprühen der Pflanzen allfällige Tropfen aufgefangen werden können.»

«Unsere Mitarbeiter sind sensibilisiert und versuchen, ihre Arbeit gut zu machen», betont die Leiterin Stadtbauamt abschliessend.