Solothurn
«Habe eine Dummheit gemacht»: Warum dem Pächter des Restaurant Türk das Geld ausging

Plötzlich war es zu, das beliebte Altstadt-Beizli in Solothurn. Nun wartet der «Türk» auf einen neuen Pächter. Der Vorherige war nur kurz auf dem Restaurant. Und erlebte ein persönliches Drama.

Wolfgang Wagmann
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Der «Türk» wurde für seinen Pächter zum Albtraum.

Der «Türk» wurde für seinen Pächter zum Albtraum.

Wolfgang Wagmann

«Ich habe eine Dummheit gemacht.» Rosario Mancuso legt das Dokument eines Anwaltsbüros vor. Am 16. Januar 2018 nahm das Unglück für ihn seinen Lauf. Er unterschrieb das Papier und übernahm damit den Pachtvertrag für das Restaurant Türk an der Schaalgasse 11. Für 20'000 Franken. Zugleich verpflichtete er sich, die Ausstände seines Vorgängers (Name der Redaktion bekannt) zu übernehmen. Eine folgenschwere Unterschrift. Denn statt der erwarteten und bekannten paar Tausend Franken tauchten immer weitere Forderungen auf, die auf seinen Vorgänger zurückzuführen waren – laut Mancuso habe dieser ab Oktober Ausstände gehabt. «Es gab Lohnforderungen von Leuten, die gar nie für mich gearbeitet haben», erklärt der 38-jährige zum Beispiel.

Zwar habe er gleich nach der Fasnacht 10'000 Franken überwiesen. Doch die Forderungen nahmen kein Ende. Er belegt sie mit Quittungen und Handnotizen. Besonders krass: Die Aufforderung der Regio Energie Solothurn, sofort die Ausstände zu begleichen – ansonsten man ihm den Strom abstelle. «Ich bezahlte, was blieb mir anderes übrig.» Zuletzt hatte er Forderungen von total 65'000 Franken auf dem Tisch. «Da habe ich aufgehört zu zahlen. Mir ging das Geld aus.»

Dabei sei er kein Unbekannter in Solothurn. Viele kennen ihn hier als ehemaligen Koch im Restaurant Grüne Ecke. Mancuso legt ein sehr wohlwollendes Zwischenzeugnis vor, dazu von ihm kreierte Speisekarten. Er habe daran geglaubt, den «Türk» wieder auf Vordermann zu bringen.

Denn bevor er im Januar den fatalen Vertrag unterschrieben hatte, sei das Lokal vor dem Aus gestanden. Rosario Mancuso kramt Fotos hervor. Sie stammen offenbar von der Lebensmittelkontrolle. Verfaultes Gemüse, Mäusedreck. Das war letzten Oktober. Dann habe er alles gegeben. «18 Stunden täglich arbeiteten meine schwangere Frau und ich an der Fasnacht». Sie habe dabei ihre 12 Wochen alten Zwillinge verloren. «Und niemand ist uns beigestanden.» Dann kam das Aus. Der Pachtvertrag wurde ihm vom Hauseigentümer Reto Büttiker-Mathys über die Hausverwaltung per 31. Mai gekündigt. «Ich habe keine Chance gehabt.»

Hätte «bei Null angefangen»

Rosario Mancuso glaubte an den «Türk» als Restaurant. Er sei auch nicht «abgetaucht». Einen Tag sass er in Haft, weil er eine Busse nicht habe bezahlen können. Und dann sei er auch in Italien und Spanien gewesen, um bei der Familie und Freunden Geld aufzutreiben. Doch seinen Plänen sei dort nicht zugestimmt worden. Zuletzt, so der Koch «haben mich alle im Stich gelassen.»

Dabei hätte er sich mit dem Hausbesitzer gerne auf einen Neuanfang «bei Null» geeinigt. Doch Reto Büttiker war gar kein Gesprächspartner. «Alles lief über die Hausverwaltung. An der Fasnacht sei er hier im Lokal gewesen, er hat aber nicht persönlich mit mir gesprochen.» Er wäre sogar bereit gewesen, ein Jahr ohne Lohn zu arbeiten, beteuert Mancuso, der jetzt Privatkonkurs angemeldet hat. «Ich habe gekämpft, aber es war vergeblich», hadert er mit sich selbst. Noch klammert er sich an seinen Berufsstolz. «Jetzt suche ich Arbeit wie verrückt.»

Hauseigentümer Reto Büttiker-Mathys will sich wie bis anhin nicht näher zur Kündigung des Pachtvertrags äussern – auch nicht nach dem «Coming out» seines bisherigen Pächters. Er verweist lediglich auf «viele Reklamationen» die ihn zur Führung des Restaurants erreicht hätten. Und er habe handeln müssen, gemäss dem Motto: «Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.»