«Ich wurde abgeführt wie ein Schwerverbrecher - nur weil ich auf den Bus gewartet habe!», schreibt Andreas H.* am Freitagmorgen in der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Solothurn wenn...». Er teilt den anderen Gruppen-Mitgliedern mit, wie er plötzlich in eine Polizeikontrolle geraten ist und wie ihm sogar Kabelbinder angelegt worden sind, bevor er von der Stadtpolizei abgeführt wurde. Die Aktion beschreibt er als «schmerzhaft, entwürdigend und unnötig». Wurde bei der Kontrolle der Stadtpolizei Solothurn am Amthausplatz ein gewöhnlicher Bürger, der auf den Bus wartete, «Opfer unnötiger Polizeigewalt»? 

Post in der Gruppe «du bisch vo Solothurn wenn»

Post in der Gruppe «du bisch vo Solothurn wenn»

Er sei beim Arzt und danach Einkaufen gewesen, erzählt Andreas auf Anfrage. Danach hätte er am Amthausplatz auf den Bus Nummer 2 nach Gerlafingen gewartet. Dieser hätte um 9.15 Uhr abfahren und den 33-Jährigen nach Hause bringen sollen. Doch dann sollen «plötzlich Polizeiwagen den Amthausplatz eingekesselt» haben. «Die Polizei hat alle mitgenommen», beschwert sich der Gerlafinger. Dabei hätte er sich doch bewusst auf der Seite des Platzes hingesetzt, wo keine Randständigen waren. Deshalb versteht er absolut nicht, wieso er mitgenommen wurde.

«Die älteren Leute wurden von den Polizisten in Ruhe gelassen», berichtet er weiter, «aber die restlichen Personen auf beiden Seiten des Platzes wurden mitgenommen - sogar Passanten, die vorbeigingen!» Er verstehe das absolut nicht, meint Andreas. Die normalen Kontrollen kenne er ja, aber das was am Freitag passiert sei, das sei Schikane, regt er sich auf.

Danach habe die Polizei den rund 20 Anwesenden Handschellen und Kabelbinder angelegt und sie in Kastenwagen abgeführt. In der Reithalle seien dann Frauen und Männer in zwei separate Kabinen gebracht und dann kontrolliert worden, berichtet Andreas weiter. Nach der Untersuchung konnte er dann gehen. «Ich hatte die ganze Zeit über keine Ahnung, was vor sich geht!»

Vor der Kontrolle ist es laut Andreas auf dem Platz nicht laut gewesen, das Verhalten der Randständigen sei auch in Ordnung gewesen. Deshalb entschloss sich der Gerlafinger nach der Kontrolle zu dem Facebook-Post, der in den darauffolgenden Stunden aber bereits wieder von der Seite entfernt wurde.

H. kann nach wie vor nicht verstehen, wie es zu so einer «krassen Aktion» gekommen ist. Die Handgelenke täten ihm übrigens auch am Nachmittag noch weh wegen der Kabelbinder.

Untersuchung angekündigt und gerechtfertigt

Der Post des entrüsteten Facebook-Nutzers und seine Schilderungen klingen ziemlich dramatisch. Hat sich die Kontrolle am Freitagmorgen wirklich so abgespielt? Darf die Stadtpolizei willkürlich eine grosse Gruppe festnehmen und abführen, ohne Rücksicht und Erklärungen?

«Kontrollen in diesem Ausmass kommen sehr selten vor», erklärt Walter Lüdi von der Stadtpolizei Solothurn gegenüber dieser Zeitung. Er bestätigt den Einsatz vom Freitagmorgen.

«Damit alle Anwesenden gleich behandelt werden, haben wir jeden und jede, die sich auf dem Amthausplatz befanden, mitgenommen», erzählt der Verantwortliche für Verkehr und Sicherheit. Danach sei auch niemand länger als unbedingt nötig festgehalten worden. Ausserdem würde sich die Polizei unmittelbar vor der Kontrolle vorstellen und die Personen über die Untersuchung und die nächsten Ereignisse informieren. Laut Lüdi hat die Polizei dies auch am Freitag getan.

Andreas empfand die Kontrolle als «schmerzhaft, entwürdigend und unnötig». Zu diesen Vorwürfen sagt Lüdi: «Die Kontrolle ist keineswegs eine Schikane. Es ist ja nicht so, dass die Polizei ständig Kontrollen durchführt und dabei willkürlich Personen abführt.»

Was führte denn zu der Kontrolle vom Freitag? Es seien vermehrt Meldungen wegen der Randständigen bei der Polizeistelle eingegangen. Am Tag der Kontrolle hätte es zwar keine konkreten Hinweise auf Drogen oder Störungen gegeben, sagt Lüdi. «Für solche Kontrollen müssen die Umstände sprechen», erklärt er weiter. Aufgrund der vielen Benachrichtigungen hätte man sich zu einer grösseren Untersuchung entschieden.

Auf Grund solcher Einsätze hätte die Polizei eigentlich noch nie direkt eine negative Rückmeldung erhalten. «Die Untersuchungen laufen ruhig ab und sind gerechtfertigt», meint Lüdi weiter. Viel häufiger seien die Meldungen wegen Randständigen, die andere Passanten stören oder Lärm machen.

Nach dieser Geschichte steht fest, dass theoretisch jeder und jede in so eine Kontrolle geraten kann - wenn er oder sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet.

*Name von der Redaktion geändert