Amtsgericht Solothurn-Lebern
Gutachter: «Vielleicht hat die Bestrafung einen positiven Einfluss»

Vor drei Jahren wurde an der Solothurner Fasnacht ein 30-jähriger Mann mit einem Schraubenzieher lebensgefährlich verletzt. Nun müssen sich die beiden Hauptbeschuldigten seit Montag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern verantworten.

Hans Peter Schläfli
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Hier beim Schulhaus Kollegium wurde ein 30-Jähriger Pole mit einem Schraubenzieher schwer verletzt.

Hier beim Schulhaus Kollegium wurde ein 30-Jähriger Pole mit einem Schraubenzieher schwer verletzt.

Oliver Menge

In der Nacht auf den 13. Februar 2010 kam es im Innenhof des Kollegiums in der Solothurner Altstadt zu einer Schlägerei. Dabei rammte der Serbe Valon K.* einen Schraubenzieher mehr als acht Zentimeter tief in den Kopf seines Opfers. Der damals 30-jährige Pole Ryszard P.* wäre beinahe an den schweren Verletzungen gestorben und wird sich nie mehr ganz vom erlittenen Gehirnschaden erholen.

Am Montag legte Valon K. vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern ein «halbbatziges» Geständnis ab: «Ich erinnere mich nicht so genau», sagte der 23-jährige Hauptangeklagte, «ich habe einmal in den Bauch und zweimal in die Richtung des Oberkörpers zugestochen.» Er habe seine Brille nicht getragen und es sei dunkel gewesen. «Aber ich muss es wohl gewesen sein, der die Stiche ausführte. Ein anderer kann es ja nicht gewesen sein. Aber ich wollte ihn nicht töten.» Da hakte Gerichtspräsident Rolf von Felten nach: «Was wollten sie dann, als Sie zustachen?» «Keine Ahnung, aber ich wollte ihn nicht töten», antwortete der Angeklagte.

Verminderte Intelligenz

Diese Attacken auf den Kopf sind kein Einzelfall, ein weiterer Angriff und eine Körperverletzung mit weniger schlimmem Ausgang stehen ebenfalls in der Anklageschrift. Wie gewaltbereit Valon K. wirklich ist, zeigt auch die Vorgeschichte jenes Abends an der Solothurner Fasnacht 2010. Valon K. erklärte, dass er zunächst mit seinen Freunden für eine Schlägerei zu einem Club nach Egerkingen gefahren sei und dass er den Schraubenzieher eingesteckt habe, um sich dort zu verteidigen.

Weil es mit dieser Schlägerei nicht klappte, ging es nach Solothurn. Dort begann der Nebenangeklagte, der damals 23-jährige Serbe Bajram C.*, die ganze Geschichte, indem er sich mit Paula F.* stritt und diese schlug. «Ryszard hat das gesehen», sagte Valon K., «er hat das Handy genommen, um die Polizei zu rufen. So hat die Schlägerei begonnen.» Nachdem er einen Fusskick kassiert hatte, habe er den Schraubenzieher aus dem Hosensack genommen und auf den Bauch von Ryszard eingestochen. «Da ging er halb zu Boden. Sein Kopf war seitlich an der Wand. Da habe ich ihn noch zweimal von der Seite in den Kopf gestochen», beschrieb Valon K. den Hergang.

«Sehr hohes Rückfallrisiko»

Es machte den Eindruck, dass der Nebenangeklagte Bajram C. die einfachsten Fragen, die ihm vor Amtsgericht gestellt wurden, nicht wirklich verstand. Dann murmelte er meistens ein kaum verständliches «Ich bestätige meine bisher gemachten Aussagen». Dem Hauptangeklagten Valon K. attestierte der forensische Gutachter Lutz-Peter Hiersemenzel sogar eine «Intelligenzminderung im medizinischen Sinn».

Schon als Kind hatte Valon Probleme gemacht, und so wuchs er in Heimen und fünf verschiedenen Pflegefamilien auf. Er machte keine Berufslehre, meistens wurde die Arbeitslosigkeit nur durch kurze Temporärjobs unterbrochen. Seit zweieinhalb Jahren ist er nun schon im vorzeitigen Strafvollzug. Nach Übergriffen auf Mitgefangene und Aggressionen gegen Angestellte will man ihn aber in der Strafanstalt Bostadel (ZG) nicht mehr. Valon K. sitzt deshalb wieder in Einzelhaft im Untersuchungsgefängnis in Solothurn.

«Er ist nicht in den normalen Strafvollzug integrierbar», analysierte Gutachter Hiersemenzel die Situation. Der Gerichtspsychiater konstatierte eine «erheblich ausgeprägte, dissoziale Persönlichkeitsstörung. Während 20 Jahren wurde mit ihm gearbeitet. Man hat schon alles Mögliche versucht, aber er hat nicht darauf angesprochen.»

Entsprechend negativ fallen die Prognosen aus. Tiefe Intelligenz, fehlende Selbstkritik, eine Mischung von rascher aggressiver Erregbarkeit mit hoher Impulsivität, zählte Hiersemenzel die Gründe auf. In seiner Legalprognose sprach er von einem sehr hohen Rückfallrisiko bezüglich schwerer Straftaten. «Wenn das Gericht entscheidet, dass die Taten dies rechtfertigen würden, käme aufgrund des Persönlichkeitsbildes eine Verwahrung infrage», sagte Hiersemenzel.

Vielleicht bringt Bestrafung etwas

«Ist Hopfen und Malz verloren, oder sehen sie Möglichkeiten für ihn?», fragte Eveline Roos, die Verteidigerin, den Gutachter. «Ich würde mir das wünschen», antwortete Hiersemenzel, «ich schaue mir die Behandlungsmöglichkeiten an und finde nichts, von dem ich sagen könnte: Das ist es.» Die einzige Hoffnung, die er offerieren konnte: «Vielleicht hat die Bestrafung einen positiven Einfluss auf sein zukünftiges Verhalten.» Die Gerichtsverhandlung wird morgen Mittwoch fortgesetzt.

Name von der Redaktion geändert

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