Frau Kury, wie ist die Stimmung im Land und in der Tourismusbranche?

Chantal Kury: Wir befinden uns momentan in einer grossen Krise. Seit dem Vorfall mit der russischen Passagiermaschine kommen keine russischen Gäste mehr ins Land. Erst war «nur» Sharm El Sheik betroffen, nun auch Hurghada. Etliche Hotels ins Hurghada mussten schliessen, welche ihr Angebot hauptsächlich auf russische Gäste ausgerichtet haben. Unsere Hotelgruppe hat eine internationale Gästeschaft, was uns das Überleben einigermassen sichert. Aber auch wir spüren die Krise am eigenen Leib. Viele der Hotelangestellten wurden auf unbestimmte Zeit in unbezahlten Urlaub geschickt.

Wie gehen die Einheimischen mit der Situation um?

Die Stimmung in Hurghada selber ist sehr gedrückt. Die Arbeitslosigkeit hat sich vervielfacht. Die Männer lungern auf der Strasse herum, sitzen gelangweilt und frustriert in den Coffeeshops. Es kommt beinahe täglich zu lautstarken Auseinandersetzungen auf der Strasse. Ein weiterer kritischer Tag steht uns bevor: der 25. Januar, der fünfte Jahrestag der Ägyptischen Revolution. Es gibt Gerüchte, dass Demonstrationen geplant sind. Die Unzufriedenheit ist gross, die Ägypter können sich die Grundnahrungsmittel bald nicht mehr leisten, die schwierige wirtschaftliche Lage und die latente Gefahr von Terroranschlägen verunsichern die Menschen.

Was bedeutet das für Sie persönlich?

Unser Leben sieht nun so aus, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen. Wir planen keine Anschaffungen mehr. Freizeitvergnügen wie Strand oder Cafébesuche werden ganz gestrichen. Es ist wichtig, das Geld zusammenzuhalten, denn keiner weiss, wie lange die Krise andauert.

Wie haben Sie das jüngste Gewaltereignis im Hotel Bellavista in Hurghada erlebt?

Meine Freundin, die im selben Hotel wie ich arbeitet, hatte mich per Whats App informiert, dass sie seit einer Stunde am Police Checkpoint in Makadi feststeckt und nicht in die Stadt kommt, da es in Hurghada wohl einen Anschlag gegeben hätte. Ich war fassungslos, sofort hatte ich die Bilder von dem schrecklichen Anschlag in Tunesien von letztem Sommer im Kopf und dachte, im «Bellavista» sei dasselbe passiert. In den Abendnachrichten kam dann auch die Nachricht, es hätte einen Anschlag in Hurghada gegeben, also praktisch vor meiner Haustüre.
       Das würde den Todesstoss für den Tourismus in Hurghada bedeuten. Doch nach und nach sickerte es hier durch, dass es sich um keinen IS-Terror handelte, sondern um einen eskalierenden Streit zwischen Einheimischen, in dem die drei Touristen nun zu Schaden kamen. Leider wurde diese Tatsache nicht in den grossen Medien richtiggestellt. Mit dem schrecklichen Anschlag am Mittwoch in Istanbul wurde uns aber leider wieder gezeigt, wozu der IS fähig ist.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Leider fing das neue Jahr so beklemmend und von Gewalt beherrscht an, wie das alte aufgehört hat. Es ist für viele Menschen schwierig geworden, immer noch Zuversicht und Hoffnung zu schöpfen. Einerseits will man sich durch all die Schreckensmeldungen nicht in der eigenen Mobilität einschränken lassen, andererseits geht letztendlich die persönliche Sicherheit vor. Eine 100-prozentige Sicherheit, die gibt es einfach nicht. Weder in Hurghada noch sonst wo auf der Welt. Der Terror wird nun weltweit bekämpft. Irgendwann wird er besiegt werden. Ich war vor wenigen Tagen mit meiner Freundin im «Bellavista», am Ort des Geschehens, um einen Kaffee zu trinken. Das tun wir nicht aus Pietätlosigkeit. Das tun wir, um unserer Unsicherheit und Angst zu begegnen und ihr ein Schnippchen zu schlagen und auch um zu zeigen: es geht weiter mit dem Leben.