Gastkommentar
Greenhörner vs.Rock-Opas - warum Junge ihre Ideen nicht umsetzen können

Gastkommentar zur Umwälzung des Musikmarkts – und warum Jugendliche ihre Ideen nicht mehr umsetzen können

Chrigu Stuber*
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Chrigu Stuber ist Programmleiter der Kulturfabrik Kofmehl.

Chrigu Stuber ist Programmleiter der Kulturfabrik Kofmehl.

Solothurner Zeitung

Blutjung waren wir, zwischen 14 und 16 Jahre alt. Eine Handvoll Mädels und Jungs aus der Region Solothurn. Wir organisierten in der Mehrzweckhalle Riedholz vor knapp 15 Jahren unsere erste «Rocknacht». Wir hatten von Tuten und Blasen keine Ahnung. Wir habens einfach mal versucht.

Wir waren nicht die Einzigen: Ob Solothurn, Attiswil, Gerlafingen, Selzach, Feldbrunnen, Derendingen, Lohn oder Deitingen – in unserem Umkreis schossen junge Teams, die beachtliche Konzerte auf die Beine stellten, wie Pilze aus dem Boden. Vielen – auch uns – diente schon damals die Kulturfabrik Kofmehl als Vorbild.

Heute sind solche blutjungen Teams leider fast gänzlich verschwunden. Dabei ist die heutige Jugend mindestens genau so engagiert, wie wir es damals waren. Doch die Hürden sind wesentlich höher. Auch in Solothurn wird oft von fehlenden Freiräumen oder von mangelndem Vertrauen der lokalen Behörden gesprochen. Doch die Hauptschuld trägt die Umwälzung des Musikmarkts.

Früher spielten angesagte Bands oft auch in kleinsten Dörfern. Das Ziel war simpel: Man wollte das aktuelle Album in jedem erdenklichen Winkel promoten, um in der Folge so viele CDs wie möglich zu verkaufen. Plattenverkäufe waren der Motor der Musikszene und hielten Bands, Plattenfirmen und letztlich auch Veranstalter über Wasser. Heute, im Zeitalter der illegalen Downloads und von kostenlosen Streaming-Portalen, fehlt den Künstlern die Haupteinnahmequelle von früher. Die Folge: Sie sind auf höhere Gagen angewiesen, um ihre Ausgaben zu decken und über die Runden zu kommen.

Mittlerweile ist das Konzertgeschäft doppelt so gross wie die Plattenindustrie. Alleine zwischen Juni und August buhlen über 400 Schweizer Festivals um dieselben bekannten Bands. Die Gagen steigen Jahr für Jahr – man spricht von rund 50 Prozent innerhalb der letzten 10 Jahre. Für die einen geht die Rechnung trotzdem auf: Am oberen Ende wächst der Konzertmarkt weiter an. Grosse Festivals bieten ein mehrtägiges gemeinschaftliches Rundumerlebnis und ziehen mit Erfolg die breite Masse an. Astronomisch hohe Gagen werden direkt auf die Kunden abgewälzt – wer beispielsweise letzten Monat die Rolling Stones in Zürich sehen wollte, musste dafür zwischen 164 und 950 Franken hinblättern.

Am unteren Ende des Konzertzirkus sieht es weniger rosig aus: Plattenfirmen leiden darunter, dass kaum mehr CDs über die Ladentheke gehen. Investitionen in vielversprechende Newcomerbands werden gestrichen. Spannende, aufstrebende Bands haben heute grösste Schwierigkeiten, mediale Beachtung zu finden. Dutzende kleine und mittelgrosse Konzertclubs spüren die direkten Auswirkungen in sinkenden Zuschauerzahlen bei gleichzeitig steigendem Gagenniveau und verschwinden.

Und all den engagierten Jugendlichen fehlt es an Möglichkeiten, ihre innovativen Ideen in Tat umzusetzen. Es einfach mal zu versuchen. Wie wir damals. Dabei wären genau sie es, welche die Musikszene frisch, abwechslungsreich und spannend halten – und nicht die Rock-Opas der Rolling Stones.

*Chrigu Stuber ist Programmleiter der Kulturfabrik Kofmehl.