Kommentar
Gratwanderung angetreten – Rohrer nicht abgestürzt

Jahr eins nach Ivo Kummer. Die markanten Schatten des langjährigen Filmtage-Direktors Kummer sind am Verblassen. Seraina Rohrer hält jetzt Hof, respektive lässt feiern. Ein Kommentar von Theodor Eckert.

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Ivo Kummer, Direktor Bundesamt für Kultur und Seraina Rohrer, Direktorin Solothurner Filmtage anlässlich der Eröffnung in Solothurn

Ivo Kummer, Direktor Bundesamt für Kultur und Seraina Rohrer, Direktorin Solothurner Filmtage anlässlich der Eröffnung in Solothurn

Keystone

Doch, doch, sie ist angekommen in ihrer neuen Funktion. Klein, aber oho, kommentierte ein Film-Methusalem ihren Auftritt nach der Eröffnungsfeier. Ein Sonntagsspaziergang wars kaum, als «Fremde» nach Jahren der Kontinuität in die zusehends grösser gewordenen Fussstapfen ihres Vorgängers zu treten. Dass sie diese bereits ausfüllen würde, wäre übertrieben, aber die positiven Ansätze sind unverkennbar. Die sarkastisch-provokativen Einschübe Kummers zur Begrüssung gelangen diesem schliesslich auch nicht gleich auf Anhieb.

Allerdings, Rohrer tut gut daran, ihren eigenen Stil zu pflegen. Authentizität ist dabei matchentscheidend. Bei ihrer Premiere kam die Abgrenzung zur Vergangenheit einer Gratwanderung gleich. Rohrer ist nicht abgestürzt: Kummer war ein Thema, ohne ihn dabei zu überhöhen. Von jetzt an kann es für sie nur noch einfacher werden.

Es dominieren die allürefreien Normalos

Wie viele Veränderungen Rohrer noch vornehmen wird, Hauptsache die Einzigartigkeit der Solothurner Filmtage bleibt erhalten. Allein schon Donnerstagabend und Freitagmorgen reichten, um das Feuer zum 47. Mal zu entfachen. Nein, das gewisse Etwas ist kein Mythos, es wird ganz einfach gelebt. Die Mischung aus Glamour und dem ganz Alltäglichen ist die Erfolgsformel. Und so sieht sie aus: Am Eröffnungsabend drängen Hunderte in den improvisierten, urchigen Filmpalast. Die von weiter her Gekommenen nicht ahnend, dass sie bei anderer Gelegenheit in einem Biergarten oder einem Eispalast gelandet wären. Klar sind sie auch aus Zürich angereist, die bekannten Gesichter, welche überall posieren. Aber es dominieren die allürefreien Normalos in den Strassenkleidern.

Der Gemeindeverwalter auf Tuchfühlung mit dem Milliardär, der unlängst sein Med-Tech-Unternehmen verkauft hat. Daneben der fröhlich-schrullige SVP-Politiker aus dem Rüebliland, der seinen Parteikollegen gehörig auf dem Magen liegt. Oder dahinter eine Kioskfrau, die sich auf welchem Weg auch immer eine Eintrittskarte ergattern konnte. Solothurn ist doch einfach toll. Entsprechend verschmitzt lächelt der heimische Tourismus-Direktor. Er weiss, alle versammeln sich in Solothurn und alle werden wieder kommen, nicht nur im Winter, wenn es nicht schneit.

Es geht auch um Inhalte

Herbststimmung am Freitagmorgen, der rote Teppich leicht gezeichnet, erneut warten vor der Reithalle Hunderte auf Einlass. Diesmal sind es unzählige Schulklassen. Ein weitsichtiges Konzept.

Ja, es geht auch um Inhalte. Kritische Kritiker monieren, dass die Filmtage ursprünglich angetreten seien, das dröge Heimatkino zu verdrängen, und jetzt sei man wieder dort gelandet. Bemängelt wird, dass im Programm kaum Filme auftauchen, die sich mit aufwühlenden Wirtschaftsfragen beschäftigen, brisante Politgeschichten aufgreifen. Weshalb waren Grounding und Mais im Bundeshaus keine Wegbereiter? Liegt etwa der «Magazin»-Autor mit seinem Artikel «Ein Land von Schissfilmern» nicht völlig daneben? Nein, nicht Scheissfilmer. Der Schissfilm wolle sein Publikum nicht überfordern. Ein Film, der Schiss habe, also Angst. Auch das ist typisch für die Solothurner Filmtage: Sie bieten eine Plattform für Provokationen und Diskussionen. Seraina Rohrer hat ein (film-)reifes Erbe angetreten.