Solothurn

Gnade für Henzihof und Lusthäuschen? Das Pro und Kontra

Es geht um die Zukunft des Areals zwischen Henzihof und Lusthäuschen.

Es geht um die Zukunft des Areals zwischen Henzihof und Lusthäuschen.

Auf dem Baufeld 2 der «Weitblick»-Entwicklung befindet sich mit dem Henzihof ein patrizisches Lehensgut mit angeschlossenem Gartenhaus. Das «Lusthäuschen» wurde seit 2013 vom Quartierverein Weststadt sukzessive belebt.

Auf dem Areal soll nun unter anderem das Quartierzentrum entstehen. Währenddem zwei Varianten der städtischen Planung den Einbezug des Bauernhofs als Quartierzentrum in Betracht ziehen, schlägt die dritte Variante einen Abbruch und Neubau vor.

Das Pro von Andreas Kaufmann: Das Rad nicht neu erfinden, wenn schon das alte rund läuft

Mit dem Lusthäuschen beim Henzihof besteht bereits ein natürlich gewachsenes Quartierzentrum. Warum also von vorne beginnen?

Bedrohlich hängt über dem Henzihof die Abrissbirne: angesichts einer Strategie, die auf Verdichtung setzt, einen Zuwachs an Steuerzahlern erhofft und sich an den Investoren orientiert. Und zum «Filetstück» wird das Baufeld, von dem hier die Rede ist, erst recht durch die unmittelbare Anbindung an den Bus- und Bahnverkehr. Nachvollziehbar, dass da Abbruch von Hof und Lusthäuschen und Aufbau eines Quartierzentrums durch Dirtte eine der diskutierten Optionen ist – wenn man die andere Seite ausblendet.

Gerade das «Hüttenbuch» des Lusthäuschens ist eine beeindruckende Chronologie dessen, was dort im «Weitblick» seit 2013 an kultureller und sozialer Strahlkraft entstanden ist. Konzerte und Lesungen, Ernte- und Mostanlässe, Grillabende und Kurse beleben das Kabäuschen. Bewirkt hat dies ein engagierter Menschenkreis, aber auch der besondere Charakter der Hostet: Inmitten von Obstbäumen im Henzihof-Ensemble entstand ein «Ankerpunkt» – als Antwort des Quartiervereins Weststadt auf eine nicht immer einfache örtliche Situation: Der Westen der Stadt ist geprägt von der Problematik benachteiligter Bevölkerungsgruppen. Und damit verbunden: Begegnungsmöglichkeiten sind ansonsten rar.

Ebenso steht das «Hüttenbuch» des Lusthäuschen exemplarisch für das Prinzip der Selbstorganisation: Auf natürliche Weise gedeiht «bottom up», was den Bedürfnissen der Quartierbewohner entspricht, ohne dass es «top down» kontrolliert werden muss. Das passt zu den Ermutigungen des Stadtpräsidenten, wo immer möglich auf die Eigeninitiative engagierter Bürger zu setzen, wenn es darum geht, die Stadt soziokulturell zu bereichern.

Die Abrissbirne kann so gesehen nicht die richtige Strategie sein: Denn die Pläne der Stadt sind bereits heute in die Realität umgesetzt. Das Rad muss nicht neu erfunden werden, wenn bereits das alte rund läuft. Das zeigt auch ein Vergleich mit anderen Schweizer Quartierzentren. Was die Stadt leisten kann: Die räumlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, um zu bewahren, was schon da ist. Gerade das Lusthäuschen ist eine Herzensangelegenheit. Und soviel Emotion kann sich Solothurn finanziell durchaus leisten.

Das Kontra von Wolfgang Wagmann: Ein städteplanerischer Murks allererster Güte zeichnet sich ab

Anfangs sollte der Henzihof ganz einfach weg. Doch inzwischen will sich niemand mehr ein Quartierzentrum anderswo vorstellen.

Wahrscheinlich ist der Zug abgefahren, sind die Meinungen gemacht. Die Denkmalpflege hat ihre schwere Hand auf den Henzihof und das Lusthäuschen gelegt. Links hat längst mobilisiert und die Quartier-Anwohnerschaft im einst verkommenen Lusthäuschen derart Remedur geschaffen, dass es nun als Solothurner Vorzeige-Projektli gilt. Trotzdem: Sich hinter einen abgefahrenen Zug zu werfen, bringt diesen zwar nicht mehr zum Entgleisen und stoppt ihn auch nicht. Aber Schlusslichtern nachzusehen hat seine eigene Faszination.

Das Hickhack um den Henzihof ist ein Trauerspiel. Urspünglich war sonnenklar: der marode Bauernhof kommt weg. Für eine Überbauung, die dieses Filetstück verdient. Jetzt droht es ein «Mini-Ballenberg» in einer durchaus urbanen Umgebung zu bleiben – mit «chly Hostet», «chly Burehuus» und «chly Hüsli» aus dem Lustprinzip heraus. Eine Idylle, die ab und an, meist an Wochenenden, von einigen Anwohnern besucht wird, die zu Fuss oder höchstens per Velo in wenigen Augenblicken da sind. Dafür hat man unmittelbar beim Henzihof eine Busschlaufe mit Endhalt und oben am SBB-Geleise eine schicke City-Bahnhaltestelle hingebaut. Ein städteplanerischer Murks allererster Güte, wenn es soweit kommt. Und das wird es.

Natürlich braucht die Weststadt ein Herz, das schlägt. So wie sie es einmal gehabt hat. Noch in den sechziger Jahren gabs in der Pfarrei St. Marien eine Jungschar, Jungwacht und Blauring, Ministranten und Sängerknaben – insgesamt bis zu 200 Köpfe zählend. Sie hatten kaum Platz, mussten in einer Dachwohnung hausen, grössere Anlässe gar im reformierten Kirchgemeindehaus an der Areggerstrasse durchführen. Die Weststadtpfarrei zog nach, baute ebenfalls ein Kirchgemeindehaus mit Bühne. Geschichte. All die erwähnten Organisationen sind untergegangen. Die Gebäude blieben. Über weite Strecken kaum mehr genutzt – wie auch die mächtige St. Marien-Kirche. Der zu sanierende, teure Henzihof wäre also mitnichten die ultimo ratio für ein Quartierzentrum.

Und das Lusthäuschen? Ein Verschieben wird ja nicht ausgeschlossen. Rund um St. Marien hätte es Grün ohne Ende. Aber es muss wohl im «Weitblick» bleiben. Partout! Warum heisst der eigentlich «Weitblick»?

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