Stadtorchester Solothurn

Glänzende Augen am Kinderkonzert – und dann klingelte noch das Handy

Dass Geigerin Marie-Louise Kissling nach Jahrzehnten ihr letztes Konzert bestritt, sorgte für Wehmut – dank Handy-Geklingel aber auch für einen Lacher.

Wenn die Bremer Stadtmusikanten und das Solothurner Stadtorchester gemeinsam unterwegs sind, bringen die im Kinderkonzert vereinten Klangkörper kleine und grosse Augen zum Glänzen. Zumal, wenn Schauspielerin Barbara Grimm von den Heldentaten von Hahn, Katze, Hund und Esel erzählt und die Tiere sich auf der Bühne tummeln. Passend dazu das amüsante «Katzenduett» von Rossini, dessen Miau schon manche Primadonnen ins Schwitzen brachte.

Am Vorabend-Konzert standen zwei Frauen ohne Divenallüren im Zentrum: Die junge Virtuosin Sumina Studer und Orchestergeigerin und Präsidentin Marie-Louise Kissling, die nach mehr als drei Jahrzehnten Einsatz für das Stadtorchester Solothurn ihr letztes Abonnementskonzert bestritt. Vize-Präsident Harald Rüfenacht setzte zur Lobeshymne an, als sein Handy klingelte und die Ankunft des Stadtpräsidenten ankündigte. Der Gag erntete auf und abseits der Bühne Lachen, Applaus erhielt Kurt Fluris Würdigung der grossen Verdienste der scheidenden Präsidentin.

Bei den Abschiedsworten war die Wehmut der Orchesterkollegen spürbar. Da passten Mozart und g-Moll einzigartig. Denn jeder Klassikfan weiss, wenn Mozart diese Tonart wählte, wollte er etwas zutiefst Schmerzliches, Erregendes, Flammendes ausdrücken. Dies gilt im Besonderen für die grosse g-Moll-Sinfonie Nr. 40, KV 550, die zu den bekanntesten seiner Werke gehört. Das Hauptthema mit den Seufzer-Motiven bannt unwillkürlich. Harald Siegel hob die farbige Fülle und reiche Chromatik hervor, sodass die Musik elegisch, aber nie sentimental klang. Das gut disponierte Stadtorchester folgte den Intentionen, bot eine packende Aufführung.

Preisgekrönte Jung-Geigerin

Imponierend auch das erste Violinkonzert von Max Bruch, dass den Namen des Komponisten davon bewahrt, vergessen zu werden. Der «Reisser» symbolisiert den Inbegriff der Romantik und ist auch in g-Moll geschrieben. Sumina Studer, Jahrgang 1997, spielte hingebungsvoll und mit jugendlichem Feuer. Die Zürcherin studiert gegenwärtig an der renommierten Juilliard School in New York und ist bereits in verschiedenen Musikzentren in Europa, Japan, China, und den USA aufgetreten.

Die mit verschiedensten Preisen ausgezeichnete Geigerin kostete die Sehnsüchte und romantischen Gestus der Partitur voll aus. Das von Harald Siegel umsichtig geleitete Stadtorchester überzeugte wie auch die Solistin mit einer feinen Pianokultur, Dynamik und innigem Adagio.

Nicht nur Sumina Studer, alle grossen Geiger lieben das Bruch-Konzert. Nur einer mochte das Stück nicht, verlangte sogar in Reimform ein «polizeiliches Verbot des ersten Violinkonzertes von Max Bruch». Und das war der Komponist selber. Er fand es unerträglich, dass der Sensationserfolg des Stückes seinen anderen Werken die Chance raubte, aufgeführt und akzeptiert zu werden.

Wahrscheinlich haben auch die Bremer Stadtmusikanten das Bruch-Konzert gemocht. Sie genossen in Solothurn jedoch Ausschnitte aus Griegs «Peer-Gynt-Suite», Mussorgskys Tanz der Küken und Prokofjews Tanz der Ritter. Ob Abonnementskonzert mit Mozart und Bruch oder Kinderkonzert mit verschiedenen Komponisten, Marie-Louise Kissling hat den Programmen ihren Stempel aufgedrückt.

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