Debatte
Gilt Rot für Fussgänger in jedem Fall? – das Pro und Kontra

Ist das Missachten des Querungsverbots nur ein Kavaliersdelikt und das Eingreifen der Polizei bei einer Missachtung völlig übertrieben? Oder soll dieses Verhalten strenger und häufiger geahndet werden?

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Sollen Fussgänger für das Missachten von roten Ampeln gebüsst werden? (Archiv)

Sollen Fussgänger für das Missachten von roten Ampeln gebüsst werden? (Archiv)

Oliver Menge

Eine gebüsste Fussgängerin auf dem Solothurner Bahnhofplatz beschwert sich über die in ihren Augen unverhältnismässige Polizei-Aktion. Rot am Fussgängerstreifen ist für viele Benützerinnen und Benützer ein rotes Tuch. Und sie ignorieren das Signal deshalb.

Pro Wolfgang Wagmann Stadtredaktor Solothurn

Pro Wolfgang Wagmann Stadtredaktor Solothurn

Sie kommen von überall, kreuz und quer, über den Platz

Am Solothurner Bahnhofplatz herrscht oft ein gefährliches «Getto». Deshalb sollten Rotlichtsünder durchaus gebüsst werden.

Nicht im Traum einfallen würde mir das Queren per pedes des Bahnhofplatzes bei Rot. Weil ich Autofahrer bin. Fast täglich eine Schrecksekunde: Sie kommen von überall, kreuz und quer, über den Platz. Die «Rot-Querulanten» habe ich noch einigermassen auf dem Radar, aber die aus dem toten Winkel von schräg hinten sind meine Lieblinge. Oft kannst du bei Grün nicht einfach losfahren, und ein Sichern nach allen Seiten lohnt sich auf jeden Fall. Denn wehe, du erwischt so einen High-risk-Junkie – als Autofahrer bist du gewählt! Auch nett: Immer wieder trauen sich Autofahrer gar nicht mehr loszufahren, weil ein Grüppchen Ignoranten bei Rot bis zur Insel vorgestossen ist und neuneinhalb Zehenballen schon auf der Strasse drängeln. Die Folge: Ohnmächtig siehst du hinter deinem Vordermann (oder -frau), wie die kürzest bemessene Grünphase kläglich zerrinnt.

Keine Einzelfälle, sondern Alltag am Bahnhofplatz. Hut ab also vor zwei Polizeibeamten, die für einmal solch riskantes Fehlverhalten überhaupt ahnden. Die Busse von 20 Franken ist ja lächerlich genug. Sei einmal in einer Tempo-30-Zone ein paar Kilometer zu schnell unterwegs, dann weisst du, wo es dir ans Portemonnaie geht! War ich zum Glück noch nie, genauso wenig, wie ich direkt vor einem wartenden Streifenwagen bei Rot einen Fussgängerstreifen
gequert habe.

Zugegeben, ich bin kein weisses Schaf. Bin auch schon bei Rot über einen Fussgängerstreifen gewetzt. Oder die Unterführung verschmäht und die Werkhofstrasse direttissima genommen. Doch immer mit einem mittelschlechten Gewissen. Und dem prüfenden Blick: Steht da ein Mami mit seinem Kleinen an? Dann lass ich es bleiben. Muss ja die Erziehungsarbeit von Eltern und Polizei nicht gleich torpedieren. Ein weiterer prüfender Blick: Wo ist das nächste Auto? Denn ich bin Autofahrer. Und es gibt nichts Schlimmeres, als wenn da plötzlich so ein Typ vor der Kühlerhaube auftaucht, der hier eigentlich nichts zu suchen hat. Egal ob Typ oder Professorin – solches Herumirren auf Strassen ist einfach riskant und gefährlich.

Womit wir nochmals bei der unglücklichen, gebüssten Professorin wären. Immerhin sei sie «Schweizer Kulturvermittlerin», schrieb sie protestierend an unsere höchsten Polizeiorgane. Aha! Wie wäre es vielleicht mit ein bisschen «Verkehrs-Kulturvermittlung» zum richtigen Verhalten an Fussgänger-streifen, Frau Professor? Nur unseren Kindern zuliebe ...

Kontra Lucien Fluri Kantonsredaktor

Kontra Lucien Fluri Kantonsredaktor

AZ

Bei Rot über den Zebrastreifen zu gehen, ist wie kiffen

Gängelt doch den Bürger nicht! Plant lieber besser, dann muss ich auch nicht mehr bei Rot über den Fussgängerstreifen

Fussgängerstreifen sollen Fussgänger schützen. Und nicht behindern. Doch genau das tun sie, wenn sie mit einer Ampel versehen sind. Sie stehlen Lebenszeit. Weit und breit ist kein Auto. Aber ich soll warten. Und warten. Und noch immer warten.

Bleibst du wirklich allein im Regen stehen, nur weil sich vor dir ein rotes Männlein, das du nicht einmal kennst, aufspielt und dir befiehlt: Warte?
Sicher nicht. Also laufe ich los – und habe kein schlechtes Gewissen. Ein Auto, das bei Rot über die Ampel fährt, löst Chaos aus. Ein Fussgänger, der bei Rot über die Ampel geht, tut etwas für seine Gesundheit.

Klar gibt es Regeln. Nie, wirklich nie, tut man das vor einem Kind. Das braucht schliesslich den Schutz des Zebrastreifens. Und ja, man tut das auch nicht vor der Polizei. Es ist deren Job, dem Gesetz zu folgen. Zu testen, ob sie büssen oder nicht, ist eine sinnlose Provokation. Aber keine Angst: Ewig wird da nicht mehr gebüsst. Bei Rot über den Fussgängerstreifen zu gehen, ist heute wie kiffen: Beides ist bei einer Mehrheit der Bevölkerung etabliert. Sanktionen dagegen werden sich nicht lange halten lassen.

Eine Busse erhielt ich nie. Aber ich lebe damit, dass ich auch mal angeschrien werde. Das aber geschah nur, als ich in Deutschland lebte. Deutschland hat das Dosenpfand. Und Deutschland hat Bürger, die ihre Mitbürger gerne autoritativ über den herrschenden gesetzlichen Sachverhalt unterweisen. Brave Bürger bleiben bei Rot am Gehsteig stehen. Alles andere ist Widerstand gegen die Autorität des Staates.

Wir Schweizer aber haben kein Dosenpfand. Wir haben Trottoirs statt Gehsteige. Und wir regeln unsere Probleme mit Eigenverantwortung. Wir überlassen die Entscheidung, ganz Milizsystem, dem Bürger auf dem Bürgersteig. Sein Leben ist ihm nämlich etwas wert. Wo es gefährlich und sinnvoll ist, wartet jeder Fussgänger.

Es gibt ein einfaches Gesetz: Wo der Fussgänger nicht wartet, hat ihn die Planung nicht ernst genommen. Etwa am Solothurner Hauptbahnhof. Sorry, das ist ein Zwei-Bein-Desaster. Es pressiert, die SBB warten ja nicht auf dich. Aber du musst ewig warten. Auto um Auto. Eine riesige Hauptverkehrsachse zerschneidet die direkte Fussgängeranbindung von der Stadt zum Zug. Und nicht nur das: Diese Strasse ist die unnötige Schlinge um den Hals der Altstadt. Sie zieht sich zu. Das muss sich schnell ändern. Es gilt bei auch bei der Planung: Wer zu lange bei Rot steht, verpasst am Ende den Zug und kommt gar nicht mehr weiter.