Solothurn
Gibt es ein Recht auf Tyrannenmord?

«Tahrir» des niederländischen Autors Ad de Bont, 2013 uraufgeführt, setzt Schillers «Wilhelm Tell» zeitgemäss um. Im Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) wurde es in einer eindringlichen Inszenierung von Katharina Rupp erstmals in der Schweiz gezeigt.

Angelica Schorre
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Der Apfelschuss wird zum Orangenschuss. «Tahrir» holt einen politischen Konflikt von der Legende in die Realität.

Der Apfelschuss wird zum Orangenschuss. «Tahrir» holt einen politischen Konflikt von der Legende in die Realität.

Ilja Mess

«Für Glück und Freiheit ist der Preis oft hoch»: In Ägypten wurde 2010 der junge Khaled Said unter fadenscheinigen Begründungen zu Tode gefoltert. Die Betroffenheit und Wut der Menschen fanden auf Facebook ein unerwartetes Ventil: Es kam zu Massendemonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Recht auf Freiheit? Auf Menschenwürde? Ja, auf Tyrannenmord?

Der Niederländische Dramatiker Ad de Bont lässt diese Grundfragen politischen Handelns durch die fiktive Familie Baset schmerzhaft aktuell werden. Erschüttert will sich der jüngste Sohn Hazem (Josef Mohamed) dem stillen Protest anschliessen. Omar (Robert Baranowski), der älteste Sohn, will zur Waffe greifen. «Mubarak abknallen! Doch dann folgt der Sohn.» Schwester Israa (Atina Tabé) und Mutter Jasmina (Masha Karell) sind wie Hazem für friedlichen Widerstand – Israas Ehemann Razik (Jan-Philip Walter Heinzel) quittiert – «Könntest du wirklich auf Demonstranten schiessen?» – den Polizeidienst. Noch handelt die Familie in der «Gewissheit, dass ein Unheil kurzen Atem hat».

«Durch diese dunkle Gasse...»

Die beiden Brüder werden verhört; Omar wird gezwungen, auf eine Orange auf dem Kopf von Hazem zu schiessen. Wie in «Wilhelm Tell» gelingt der Schuss, denn wie in «Wilhelm Tell» soll der Tyrann getötet werden. «Durch diese dunkle Strasse muss er kommen»: Doch Omar trifft den falschen und muss mit dieser Schuld leben. Hazem wird auf dem Tahrir-Platz zu Tode getrampelt.

An seinem Jahrestag trifft sich die Familie wieder und muss feststellen, dass sich politisch nichts geändert hat, alles «für die Katz’» war. Ist der Sohn und Bruder für nichts gestorben? Sohn und Schwiegersohn haben keine Antworten mehr. Doch Jasmina und Israa rufen zum Widerstand auf: «Gemeinsam mit den Toten säumen wir den Weg, der sein Ziel erreicht.» Zusammen singen sich die Frauen in den Mut – gleich den Heldinnen in der griechischen Tragödie. Die Zitate aus «Wilhelm Tell», die Sprache Schillers in ihrer Rhythmik und Metrik, werden in «Tahrir» bewundernswert unpathetisch und beinahe unauffällig eingesetzt, spannen den Bogen zwischen Apfel- und Orangenschuss, von Tyrannenmord und gescheitertem Mordversuch. «Mut und Willensstärke sind Tugenden eines Märchenprinzen», wird einmal wie nebenbei im Stück gesagt.

Wie hätte ich gehandelt?

Und die spürbare Betroffenheit des Publikums, das das schnörkellose, intensive Spiel des Ensembles zu Recht mit grossem Applaus würdigte, mag zum einen in der Frage liegen «Wie hätte ich gehandelt?», zum andern in der Erkenntnis, dass Apfelschuss und Tyrannenmord des – eigentlich unpolitischen – «Märchenhelden» Wilhelm Tell eine Legende sind. Und der «Orangenschuss» des politisch ambitionierten Omars, der sinnbildlich für Folter und Unterdrückung eines diktatorischen Regimes steht – dem doch kein Tyrannenmord folgt. Die Realität ist zweieinhalb Flugstunden entfernt.

Rythalle, Solothurn: 13.11. (danach Publikumsgespräch), 19.11. (danach Publikumsgespräch), 28.11., 16.12., jeweils 19:30 Uhr

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