Literatur
Giacomo Casanova und das Solothurner Gärtli

Der weltberühmte Verführer Giacomo Casanova erlebte 1760 ein paar aufregende Tage in Solothurn. Dabei spielte das Gärtchen neben dem Von-Roll-Haus, in dem es Anfang Woche brannte, eine Rolle.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Giacomo Casanova, gemalt anno 1760 von Anton Raphael Mengs.

Giacomo Casanova, gemalt anno 1760 von Anton Raphael Mengs.

Anton Raphael Mengs

Der Brand im Von-Roll-Haus in der Solothurner Altstadt Anfang dieser Woche erinnert wieder mal daran, welche Bedeutung dieses Haus und insbesondere auch der nördlich angrenzende Garten in der Weltliteratur hat, auch wenn die Begebenheiten, die sich in diesem Garten zugetragen haben sollen, alles andere als gesichert sind.

Giacomo Casanova (1725–1798), der grosse Verführer und Autor des 18. Jahrhunderts, beschreibt in seinen «Lebenserinnerungen» auch eine Episode, die den damaligen Playboy nach Solothurn und in dieses Gärtchen führte. Doch den Anfang nahm die «Solothurner Casanova-Geschichte» in Zürich.

Er beschreibt, wie er im April 1760 durch das Fenster seines Zürcher Aufenthaltsortes eine Frau, die eben aus einem Vierspänner stieg, erblickte. «Sie war jung und brünett, hatte zwei schwarze, schön geschnittene Augen unter kühn geschnittenen Brauen, eine lilienweisse Haut, rosige Wangen und auf dem Kopf eine Kappe aus blauem Satin mit einer silbernen Quaste, die ihr übers Ohr herabhing. Kurz ein Zauberbild, das mir den Verstand raubte».

Die Dame soll gewusst haben, dass der Libertin, dessen Ruf in ganz Europa bekannt war, sich in Zürich aufhielt, und sie sei ganz bewusst im besagten Haus abgestiegen, wird kolportiert. Es kam zum Zusammentreffen der beiden, wo sich die Dame zunächst darum bemühte, «... Ihn von den Verlockungen des Mönchslebens zu erlösen», wie er schreibt.

Casanova nennt in seinen Schilderungen den vollen Namen der Dame nicht, er erwähnt lediglich Initialen. Es soll sich um eine Madame de R. gehandelt haben. Die Historiker wollten wissen, welche Solothurner Dame dem berühmten Frauenheld den Kopf so verdreht hatte, dass dieser nach dem ersten, scheinbar «erfolglosen» Zusammentreffen in Zürich der Dame nach Solothurn nachreiste. Nachgewiesen ist, dass 1760 Bern das eigentliche Ziel des Venezianers war, wo er Albrecht von Haller traf. Doch Casanova war ja bekannt dafür, keine Gelegenheit auszulassen.

Nachforschungen haben ergeben, dass es sich bei der begehrten Dame um Maria Anna Ludovica von Roll (1736–1825) gehandelt haben soll, die damals mit einem wesentlich älteren Mann verheiratet war. Dieser wäre dann Urs Viktor Joseph von Roll (1711–1786). Casanova schreibt, sein Diener habe ihn auf den Zivilstand der Dame aufmerksam gemacht. Maria Anna Ludovica war zum damaligen Zeitpunkt 24 Jahre alt, ihr Mann 49 Jahre und Casanova 35 Jahre alt. Laut Eheregister der Stadt Solothurn wurde das Paar aber erst am 29. Juli 1760 verheiratet.

In Solothurn kam es wieder zum Zusammentreffen der beiden anlässlich eines Theaterspieles am Ambassadorenhof. Die bessere Gesellschaft unterhielt sich zu jener Zeit mit sogenannten «Schäferspielen». Der damalige französische Botschafter Chavigny machte sich einen Spass daraus, den bekannten Charmeur mit der Solothurner Hautevolee zusammenzubringen. Aufgeführt wurde das Stück von Voltaire mit dem Titel «Le Café ou l’Ecossaise».

Sicher ist, dass dieses Stück am 26. Juli 1760 in Paris seine Uraufführung erlebte. Ob es schon vorher in Solothurn bekannt war, ist möglich, hatte doch Ambassador Chavingy Kontakt mit Voltaire, welcher sich 1756 und 1758 in der Stadt aufhielt. Bei diesem Theaterspiel unter Laien kam Casanova laut seiner Schilderung wieder mit Madame de. R. in Kontakt. Die beiden spielten in einer Szene gar ein verliebtes Paar. Dies ganz zur Verzückung der Zuschauer, denn Casanova schreibt, dass die Szene habe wiederholt werden müssen.

Der Ehemann (!) seiner Angebeteten verhalf ihm anschliessend zum Aufenthalt auf einem umliegenden Landschlösschen, um sich von einer vorgetäuschten Krankheit zu kurieren. In Wahrheit versuchte Casanova so, mit seiner Angebeteten ein paar Stunden ohne Zeugen zusammen zu sein. Es wird angenommen, dass es sich um Riemberg bei Nennigkofen handelt, das 1881 abgebrochen wurde und der Von-Roll-Familie gehörte.

Das Unterfangen misslang, denn anstelle von Madame de R. besuchte eine andere, ein «hinkendes Schandweib», so bezeichnet es Casanova, den Verliebten. Anstelle von Maria Anna Ludovica brachte sie es wohl in Dunkelheit zustande, mit Casanova das Bett zu teilen. Bei dieser Gelegenheit hängte sie ihm auch noch eine Krankheit an, die es dem Italiener verunmöglichte, mit seinem wahren Objekt der Begierde die gleichen Annehmlichkeiten zu teilen, schreibt er.

Die Romanze mit Madame de R. schliesst mit einem letzten Austausch von Zärtlichkeiten im besagten Gärtchen des Von-Roll-Hauses in Solothurn. Casanova schreibt wehmütig: «Allein geblieben gingen wir hinaus, um auf einer am Haus angrenzenden Terrasse die Kühle zu geniessen. Dort gab es einen kleinen Raum, von dem aus wir, auch wenn wir im Hintergrund sassen, alle Wagen erspähen konnten, die in die Strasse einfuhren.»

Neun Jahre später kam es nochmals zu einem Zusammentreffen von Casanova und Frau de R. Dies ist eine brieflich verbürgte Tatsache. Casanova machte ihr Komplimente, doch sie wies ihn ohne Umschweife zurück, indem sie meinte, er sei nicht mehr so jung, wie er in Solothurn gewesen sei, «... und das genügte mir», so Casanova. Urs Viktor Joseph von Roll war zu jener Zeit Landvogt im Tessin.

Es kann davon ausgegangen werden, dass Casanova in seinen «Lebenserinnerungen», die er ab 1790 vereinsamt auf dem böhmischen Schloss Dux – wo er seinen Lebensabend als Bibliothekar verbrachte – schrieb, einiges an Daten, Namen und Orten seiner Abenteuer und Reisen durch Europa durcheinanderbrachte. Dennoch ist es reizvoll, dieser Anekdote aus Solothurn nachzusinnen, insbesondere da der beschriebene Garten in seiner ursprünglichen Art noch zu sehen ist.

Quellen: Fritz Grob, Schriftsteller sehen
Solothurn; Verena Bider/Felix Nussbaumer «Casanova in Solothurn» – Fakten und Vermutungen zur gleichnamigen Ausstellung 2006 im Museum Blumenstein.