Künstlerhaus
Gemeinsames im Gegensätzlichen finden

Die Landschaft ist das Thema: Im Künstlerhaus S11 begegnen sich Franco Müller und der Ire Anthony Haughey und damit Malerei versus Fotografie – die Stimmung ist der gemeinsame Nenner im Gegensätzlichen.

Eva Buhrfeind
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Franco Müller (l.) trifft auf Fotograf Anthony Haughey. Hansjörg Sahli

Franco Müller (l.) trifft auf Fotograf Anthony Haughey. Hansjörg Sahli

Landschaften – bei Franco Müller ist es über die vertrauten Stimmungen zwischen real, fiktiv und metaphysisch auch immer die Faszination an der wandelreichen Materialität und Dynamik der Farben. Diesmal scheinen die eigenwilligen Topografien eher abstrakter Natur. Und doch, man spürt die reale Welt dahinter, welche die Farbeindrücke und Augenblicke vorgeben, die er abwandelt, wenn er aus fragmentarisch Gesehenem neue imaginäre Wirklichkeiten kreiert. Da vermutet man eine hügelige Landschaft, erinnern Konturen an eine Architektur. Man erkennt Horizonte, Wolken, Atmosphärisches.

Doch alles scheint innezuhalten als irreale Grenzwelten. Grenz- wie Zwischenwelten, die als kleine Bildquadrate der Serie «Pola», mit dem weissen Rand an Polaroid erinnernd, die zu einer «malerischen Begehung» einladen. Auch hier entdeckt man rätselhafte landschaftliche und tektonische Versatzstücke, imaginierte Farb- und Formwelten, die der Künstler immer neu komponiert und so dem Blick des Betrachters eigenen Raum lässt. Dabei sind Müllers Landschaftsinszenierungen mehr als nur kryptische Bildstimmungen. Sie sind variationsreicher Ausdruck einer präsenten Malerei. Mit dem Pinsel, der Hand, dem Schwamm aufgetragen, scheinen sich die Acrylfarbstrukturen zu irrealen Momenten zu verselbstständigen.

Kulissen der Wirtschaftskrise

Irrationale Stimmungen finden sich auch bei Anthony Haughey. Doch der irische Fotograf und Videokünstler, der sich in seinem Schaffen mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt, zeigt mit der Serie «Settlement» eine reale Welt: verlassene Architekturen in die atmosphärischen Farben einer undefinierbaren Dämmerung getaucht. Es sind die Kulissen der Weltwirtschaftskrise, die auch in Irland viele Menschen um Haus, Hof und Heimat gebracht hat. Zurück blieben ihre Häuser, Bauruinen, gespenstisch leere Strassenzüge, eine zerrupfte Landschaft. Ein seltsames Licht zwischen Abend und Morgen, Aufbruch und Endzeitstimmung, das dieser Inszenierung jene metaphysische Ästhetik verleiht. Atmosphärische Impressionen, die der 1963 geborene Fotograf mit nächtlichen Aufnahmen erzeugt, dazu Blitzlicht und lange Verschlusszeiten.

In den Videoarbeiten setzt sich Haughey mit Migration und Integration auseinander, unspektakulär und unaufgeregt. Ein Film spiegelt aus der Sicht der im Boot angebrachten, mit dem Seegang schaukelnden Kamera die Ungewissheit des Meeres und die der afrikanischen Flüchtlinge wider. Der zweite Film lässt in einer Tafelrunde Menschen zu Wort kommen, die es zwar in ein anderes Land geschafft haben, aber als Fremde nicht immer in der Gesellschaft angekommen sind. Zusammengebracht hat die beiden Kunstschaffenden die Kunsthistorikerin Wanda Kuppers, die als Mitglied des Künstlerhausteams turnusgemäss Ausstellungen kuratiert und mit dieser schweiz-irischen Begegnung das Gemeinsame im Gegensätzlichen beweist.

Ausstellung bis 15. April. Weitere Rahmenanlässe unter www.s11.ch oder www.kulturm.ch