Solothurn

Gassenfasnacht in der Altstadt: Honolulu wie es tobt und lacht

Abertausende feierten auf den Plätzen und Gassen eine Nacht lang und scheuten keine Mühe, um in der perfekten Verkleidung hervorzustechen.

Man ahnt es, aber man glaubt es noch nicht. Es ist 20 Uhr und in der «Kronen»-Gaststube schieben die sieben Zwerge Langeweile. Gäste hats noch weniger. Immerhin, drei Jungs in blauen Vogel-Strauss-Kostümen setzen erste Farbtupfer. Zum Sitzen ist das Ding allerdings völlig ungeeignet – das Straussenhinterteil ragt mehr als einen Meter über den Rücken hinaus.

Doch die Strassenfasnacht in Honolulu ist auch nicht zum Sitzen da. Und jetzt kündet hämmernder Rhythmus draussen an, was unweigerlich auf die Altstadt zurollt: die Invasion. Die Riesengugge der Böögge Brätscher aus Welschenrohr, sinnigerweise als Landeier unterwegs, marschiert im Stechschritt Richtung Märetplatz. Der Brunnen ist schon von fremden Truppen besetzt. Egal, beim Manor gibts auch noch einen. Denn wer jetzt keinen Brunnen hat, wird keinen mehr finden. Es trötet und trommelt an allen Ecken und Enden. Und bald ist die Einmarschstrecke zwischen St. Ursen und dem Cheschtelemuni hoffnungslos verstopft. Man nennt das auch den Bööggen-Stau.

Sässelikleber und Heli-Piloten

Dabei bräuchten einige dringend Platz, um sich austoben zu können. Die Kaffeetanten vor der Leinenstube beispielsweise – im Kränzchen sind alle willkommen, die auf ein Tässchen Lust haben. Einige Meter weiter vorn steht eine Art Kampfhelikopter, am nächsten kommt ihm ein «Apache». Dargestellt wird von den fünf Piloten aus Biberist jedoch die Rettungsflugwacht.

Und gerettet werden die jeweils zwei Passagiere auf dem Hintersitz noch so gerne. Unter der «Verkleidung» steckt ein dreirädriges Goggomobil. «Nein, unser Fahrer trinkt nicht», beruhigt der Co-Pilot auf die Nachfrage hin, wie das Ding wieder nach Hause kommt. «Wir sind zu fünft und basteln jede Fasnacht etwas für diesen Abend.» Basteln? High-tech-Basteln vielleicht. Sogar der Rotor dreht sich – und fräst sich prompt durch den hohen Schilfwald, den der vorbeiziehende «Aareschwümmler» und Mouleverkäufer auf dem Rücken trägt.

Um den Märetplatzbrunnen kurven derweil zwei Maskierte in je einem altehrwürdigen Sässeli. Nostalgie pur, aber viel beachtet. Inzwischen sind die bunten Heerscharen wie Wasser in alle Seitengassen von Honolulu eingesickert. An der Schaalgasse kündet ein Rattern waghalsige Piloten und Pilotinnen auf kleinen Kindermobilen aus Plastik an, die Richtung Landhaus rollen. Auch Typen auf Skis versuchen auf der völlig aperen und gepflästerten Loipe, vorwärtszukommen. Honolulu ist – gelinde gesagt – ziemlich gaga.

Wenn es eng wird

Im Landhaus herrscht inzwischen ein veritables Gmoscht. Der Ballzillus-Airport, ergänzt durch eine neue zusätzliche Foyer-Bar, stösst trotz dieser Innovation an seine Kapazitätsgrenze. Auch hier wunderliche Typen: Zwei rotbärtige Iren, die ein Pfeifchen schmauchen, entpuppen sich als junge Damen. Polizisten sind en masse im Einsatz, doch alles nur getürkte. Echte dagegen nicht zu sehen.

Zwei Fischer hetzen als Helene atemlos durch die Nacht. Und oben vor der Honolulu-Bar bildet sich erstmals an dieser Fasnacht eine Warteschlange. Im «Kronen»-Märlischloss wird ebenfalls erstmals die Prinzenbar geöffnet. Nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Im Nu ist der Laden rappelvoll. Jetzt, um Mitternacht herrscht Beizennotstand. Die kostümierte Springflut hat ihren Höhepunkt erreicht. Vor der Jesuitenkirche versuchen Verena Holzer und ihre Kollegin, die Lage etwas zu entschärfen. Sie verabreichen der Bööggenschar im Minutentakt Raclette-Portionen.

Doch das Inferno lässt nach. Die Guggen machen sich auf den langen Heimweg ins Thal oder sogar ins ferne Kappel im Gäu. Und nehmen viele Eindrücke mit, von einem lebensfrohen, fasnachtsverrückten Honolulu. Das erst gegen Tagesanbruch zur Ruhe kommt. Oder vielmehr zu einer Ruhepause. Denn bald ist Umzug.

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