Solothurn

Ganz zuletzt griffen die Gäste als Erinnerung zum Chörbli

Jenny und Erwin Käsermann können jetzt endlich loslassen und den Ruhestand geniessen.

Jenny und Erwin Käsermann können jetzt endlich loslassen und den Ruhestand geniessen.

Mit dem Hausverkauf endet die 35-jährige Wirtepaar-Geschichte im Restaurant Berntor definitiv. Damit sind das lauschige «Berntor»-Höfli wie auch die legendären Poulets im Chörbli Geschichte.

Er ist 70, sie 67. Die Hälfte ihres Lebens bisher haben sie in der Vorstadt verbracht, im eigenen Haus mit Restaurant. «Berntor» nannten es Jenny und Erwin Käsermann im November 1976 – nach der Strasse, an der es liegt. Und aus der damaligen «Knelle», dem «Hopfenkranz», wurde rasch eine Feinschmecker-Adresse. «Vom Hummer bis zu Schnipo gabs bei uns fast alles. Und den weissen Trüffel habe ich nach Solothurn gebracht.» Pizza und Hamburger dagegen, Fastfood generell, das war Käsermanns Sache nicht. «Die Qualität blieb für mich immer das Wichtigste», betont der Koch aus Leidenschaft.

Zur Situation in der Vorstadt meinen Käsermanns fatalistisch-realistisch: «Es fast wieder wie damals. Mehrheitlich haben wir ‹Spunten› hier.» Das Ehepaar dagegen ist seiner Linie treu geblieben, trotz aller Veränderungen. Als sie 1976, nach fünf Jahren auf dem «Biber» in Bibern, das «Berntor» eröffneten, gabs gegenüber noch das Café Lucky mit goldenen Kaffeetassen und geblümten Stofftapeten. Dann kam ein Chinese gehobenen Standards, jetzt ist italienisch in. Das «Du Nord» dagegen war eine Spelunke, nach dem Umbau aber ein gut frequentiertes Lokal mit Schweizer Mittelklasse-Gastig – und heute ein eher suspektes Strip-Lokal. Auch der damalige «Solothurner Hof» hat inzwischen manchen Gesichtswechsel hinter sich, «ja sogar den ‹Schwanen› gabs damals noch», erinnert sich Nelly Käsermann.

Die Gäste lebten mit

Weisse Trüffel, der Jäger aus dem Bucheggberg, der das Wild lieferte – das war einmal. Mit dem Hausverkauf konnten Erwin und Nelly Käsermann endlich den Schlussstrich, den sie schon anfangs 2010 im Auge hatten, ziehen. Damals entschloss sich das Wirtepaar, nur noch Gruppen auf Anfrage zu bekochen, den ordentlichen Restaurant-Betrieb aufzugeben. «Die Gäste waren immer mit uns zufrieden. Einer sass, nachdem alle anderen weggestorben waren, noch jeden Freitagabend da», erinnert sich Erwin Käsermann. Da viele Geschäftsleute im «Berntor» verkehrten, stand Diskretion für Jenny Käsermann stets ganz oben. «Wir haben immer Ordnung gehabt», erinnert sich die Wirtin mit ihren ehernen Grundsätzen, die es zum Beispiel gar nicht ertrug, wenn Personal despektierlich behandelt oder sogar belästigt wurde. «Da habe ich jeweils eingegriffen, und wenns böses Blut gab», betont sie. «So konnte ich nicht akzeptieren, dass ausländische Kellner von Gästen sofort mit Du angesprochen worden sind.» Aber die positiven Erinnerungen überwiegen. Beispielsweise zählte die Kult-Gugge der Gugaaggeri jahrzehntelang zu den «Berntor»-Gästen – «die hatten noch Stil», meint Erwin Käsermann.

Und oft gabs auch etwas zu lachen. So bei jenem deutschen Gast, der seine spärlichen Mundartkenntnisse kompromisslos bei der Bestellung eines Cynars einsetzte und «einen Mokka Eis» statt «ein Stückchen Eis» zum Drink orderte – und vom verblüfften Kellner prompt ein wenig Mokka-Glacé zum Drink erhielt.

Doch der Lauf der Zeit war nicht unbedingt auf der Seite des Wirte-Ehepaars: Die Herabsetzung der Promille-Grenze, das Rauchverbot und die Verkehrsberuhigung der Vorstadt hätten sich nicht unbedingt positiv ausgewirkt – «vorher sahen die Leute im Stau vor der Ampel unsere Tafel mit den Tagesangeboten.» Nun sind das lauschige «Berntor»-Höfli wie auch die legendären Poulets im Chörbli Geschichte. Nelly Käsermann etwas wehmütig: «Zuletzt haben unsere Gäste die Chörbli als Erinnerung ans ‹Berntor› mitgenommen.»

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