Cheschtelemuni
Für diesen Dienst brauchts das Marroni-«Gen»

Seit 173 Jahren verkauft die Familie Strazzini die holzkohlegerösteten Früchte an tout Soleure. Rund sieben Tonnen wandern von den Säcken in die Holzkohle-Marronibräter und in die Papiertüten zu den Kunden.

Niklaus Stuber
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Solothurner Zeitung

Die Solothurner rühmen sich, fünf Jahreszeiten zu haben. Aber eigentlich sind es sechs: Fasnacht, Frühling, Sommer, Cheschtelemuni, Herbst und Winter. Und selbst wenn sie die jüngste ist: Die Jahreszeit Cheschtelemuni, sie dauert von Ende September bis Mitte März, kann auf ein stattliches Alter zurückblicken. Seit 173 Jahren verkauft die Familie Strazzini die holzkohlegerösteten Früchte an tout Soleure. Den Blick aus dem Holzhäuschen vor dem St.-Ursen-Brunnen auf dem Märetplatz Richtung Kathedrale gerichtet, haben die Marroniverkäufer viel von der Geschichte und den Geschichten der Ambassadorenstadt gesehen.

Wahrhafte Tessiner «Varietà»

Es ist schon ein bisschen eng geworden, das Häuschen, weiss Marzio Strazzini zu erzählen. Schliesslich verkaufen er und seine Gattin Yvonne nicht nur «heissi Marroni». Geröstete Erdnüsse waren es schon immer. Dazu kommen Kastanienmehl, rohe Kastanien, Tessiner Marroni-Crème, Tessiner Kastanienhonig, Gutscheine und neuerdings auch alkoholfreie Getränke. All dies sucht den Weg hinaus zu den Kunden. Gross und klein. Die Kunden wie die Packungen. Wobei die kleinen Kunden nicht immer nur die kleinen Packungen kaufen.

Und in den typischen Tüten, immer noch aus Papier? Sind es nun Cheschtele oder Cheschtene? Ist der Strazzini der Cheschtelemuni oder der Cheschtene-Muni? Hardcore-Solothurner sagen Cheschtene-Muni, der sie röstende Mann trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Cheschtelemuni».

Das Häuschen feiert ein Jubiläum

Ein modernes Haus ist für Strazzini kein Diskussionspunkt. Umso mehr, als die Kastanienburg heuer ein Jubiläum feiern kann. Klar, weiss Strazzini zu erzählen, der Fussboden sei mehrmals erneuert worden, die eine oder andere Planke und der Anstrich seien es auch, «aber am 10. November kann unser Marronihaus den hundertsten Geburtstag feiern». Eine Vermicelles-Torte als Geburtstagsüberraschung wäre wohl angebracht.

Das mit dem Kastanien-«Hicken» ist auch so eine Sache. Früher haben er und seine Frau nächtelang die Kastanien fürs Rösten vorbereitet, mit scharfen Messern den typischen und wichtigen Schnitt angebracht. Heute werden (fast) alle Kastanien auch diesbezüglich röstbereit geliefert. Trotzdem ist Marzio des Morgens immer noch beim Schneiden der Schale zu sehen. Oder beim «Nüsslirüste». Ein bisschen Nostalgie und «sonst wird es mir am Morgen langweilig, wenn wenig Kunden kommen».

Rund sieben Tonnen Marroni

Sieben Tage die Woche ist er an der Arbeit, von 8.30 Uhr bis etwa um 19 Uhr, am Donnerstag bis 21 Uhr. Rund sieben Tonnen wandern von den Säcken in die Holzkohle-Marronibräter und in die Papiertüten zu den Kunden. Ein bisschen Moderne hat Einzug gehalten: Bei Grossandrang werden die Marroni auf einem Gas-Bräter vorbereitet. Das ist sauberer und billiger als die Holzkohle. Für das Finish kommen die Kastanien aber immer noch über die Holzkohle. «Sonst schmecken sie nicht, wie sie sollen.» Qualitätsmanagement am Marronistand. Apropos Qualität: Die diesjährige Kastanienernte ist gut ausgefallen. Aus Süditalien, aus der Toskana, stammen sie und aktuell aus dem Bleniotal. Das ist wichtig, von dort stammt die Familie Strazzini, deshalb haben sie das Marroni-«Gen» in den Adern.

Eine baucherwärmende Sache

Jetzt hat die Saison so richtig angefangen, und sie läuft bis vor Weihnachten auf Hochtouren. Ein bisschen kälter, und die Marroni laufen besser, ein bisschen wärmer, und die Getränke werden mehr gekauft. Strazzini ist zufrieden. Zu Spitzenzeiten warten schon mal 20 Kunden geduldig in der Schlange, bis sie ihre erwärmende Köstlichkeit in Empfang nehmen. Für harte Franken, ohne Rabattstufen. Und je grösser die Papiertüte ist, gibt es ein, zwei Marroni «drübery». Schliesslich will die Familie Strazzini auch gelebt haben, und der Winter ist die Hauptsaison. Früher konnte Marzio den Sommer mit Dachdeckerarbeiten überbrücken. Das ist heute fast nicht mehr möglich. So hat er sich aufs Gärtnern verlegt. Die Jahreszeit «Sommer» aber ist noch weit, jetzt ist Cheschtelemuni. Oder Cheschtene-Muni? Hauptsache, es schmeckt.