Die Magie der Zahl 11
Für die Vermarktung von Solothurn ist die 11 eher zweitrangig

Solothurn und die Zahl elf sind ein untrennbares Gespann. Wer sich wie die hiesigen Stadtführerinnen und Stadtführer damit beschäftigt, stösst oft an Grenzen. Wo liegt der Ursprung dieser magischen Zahl und weshalb taucht sie immer wieder auf?

Katharina Arni-Howald
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Die Oeufi-Uhr am Amthausplatz
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Das Oeufi-Bier
 Die Öufi-Brauerei an der Fabrikstrasse
Das Oeufi-Chloetzli im Gemeindehof
Die Kindergugge 11i-Schraenzer
Die Oeufi-Brauerfamilie Künzle
Kuriosen Solothurner Elfer-Sachen
Die Elf ist vor St. Ursen allgegenwaertig - so gibt es dreimal elf Treppenstufen.
Solothurn hatte einst elf Barock-Bastionen

Die Oeufi-Uhr am Amthausplatz

AZ

«Allein mit der Zahl 11 kann ich die Stadt nicht vermarkten» sagt Tourismusdirektor Jürgen Hofer. «Sie ist lediglich das Schäumchen auf dem Kaffee und eine zusätzliche Möglichkeit, die Stadt bekannt zu machen.» Eine Bedeutung habe sie vor allem für Einheimische und Heimwehsolothurner. «Für sie ist sie identitätsstiftend und ein Stück Heimat, wir aber müssen Solothurn als Barock- und Kulturstadt anpreisen.» Auch für Max Wild steht die Elf nicht im Vordergrund, wenn er Touristen durch die Stadt führt, zumal es über ihre Entstehung verschiedene Theorien gebe. Viele nähmen diese Zahl mit Erstaunen zur Kenntnis, aber es gäbe wohl niemand, der extra deswegen nach Solothurn komme.

Elfer-trächtige Kathedrale

«Alle alten Städte haben eine mystische Zahl», weiss Maya von Gunten, die wie andere Stadtführerinnen Spezialführungen zur Zahl 11 anbietet. Diese Führungen beginne sie meist bei der St. Ursen-Kathedrale denn: «Bei keinem anderen Bauwerk trifft man so oft auf die Zahl 11.»

Susanne Im Hof, lange bei Solothurn Tourismus tätig, erinnert daran, dass die Solothurner nicht die Einzigen sind, die die Elf für sich gepachtet haben: In Anlehnung an den Wahlspruch der Französischen Revolution «Egalité, Liberté, Fraternité» sei im 19. Jahrhundert die Elf zur Zahl des rheinischen Karnevals geworden. Und: «Von den zwölf Aposteln waren elf Jesus treu, der zwölfte wurde zum Verräter.»

Wie Solothurn an 11. Stelle landete

Ich wohne seit elf Jahren in Halten», lacht Marie-Liesel Studer. «Obwohl nicht absolut belegt, mache ich die Touristen jeweils auf die Zahl 11 aufmerksam. Bei Spezialführungen gehe sie mit ihnen zur Öufi-Uhr. «Selbst Einheimische wissen oft nicht, dass es sie gibt.» Sie erwähne auch, dass Solothurn als elfter Stand in die Eidgenossenschaft eingetreten sei. Allerdings nicht ganz freiwillig: «Eigentlich waren wir an zehnter Stelle, aber Basel wollte partout nicht den elften Platz einnehmen.»

Die Zahl der Sünde

«Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich diese Zahl höre», sagt Marie Christine Egger, die sich intensiv mit der «Heiligen Solothurnerzahl» auseinandergesetzt hat. Die Zahl 11, noch bis ins 19. Jahrhundert «eilf» genannt, stamme vom althochdeutschen Wort «einlif» ab und werde aus den Wurzeln ein (eins) und lif (übrig) gebildet. «Es geht um den Rest, der bleibt, wenn man von elf zehn abzählt.»

Symbolisch stehe die Zehn für Vollkommenheit, während die Elf die Übertretung und somit auch die Sünde darstelle. «Ich sage bei meinen Stadtführungen immer, dass die Zahl der Unvollkommenheit besser zu den Solothurnern passt und es sich mit ein bisschen Busse und ein bisschen Sünde in Solothurn ganz gut leben lässt.» Nur wenige wüssten, dass sich auch das Foucaultsche Pendel im Naturmuseum pro Stunde um 11 Grad weiterdrehe.

Kritischer Konservator

Als kritischer Betrachter entpuppt sich der Konservator des Museums Blumenstein, Erich Weber. «Es ist lustig, dass man diese Tradition kultiviert, aber es handelt sich weitgehend um Legenden, die wissenschaftlichen Überprüfungen nur selten standhalten.» Die Zahl 11 auf die immaterielle Kulturgüterliste der Unesco zu setzen finde er fragwürdig. «Gibt es denn nichts anderes zu schützen?»

Viele suchten den Ursprung der Zahl 11 bei Urs und Viktor und der 11. Thebäischen Legion, aber selbst Bischof Eucherius von Lyon, der die Thebäische Legion im 4. Jahrhundert erstmals erwähnte, habe den Berichten über das Märtyrium in Solothurn nicht getraut. Archäologisch belegt sei dagegen, dass es 440 in Solothurn eine christliche Gemeinde gab. «Bei den beiden Skeletten, die Urs und Viktor zugeordnet wurden, wissen wir allerdings nicht, ob es sich um Soldaten oder zwei einheimische Persönlichkeiten gehandelt hat.» Die Rede sei nur von zwei Männern. «Der Rest wurde erfunden.» Und auch der 1609 geborene Solothurner Chronist Franz Haffner, der die Zahl 11 insgesamt fünfzehn Mal erwähnt, hat die Geschichten von der mystischen Zahl nur vom Hörensagen gekannt.

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