Der Kaffeeautomat ist im abgedunkelten «Uferbau»-Raum das zweitwichtigste technische Gerät. Der Beamer, der die rund 600 Filme an die Leinwand wirft, das wichtigste. Weder aufs eine noch aufs andere Utensil könnten Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer und ihre Auswahlkommission verzichten. Herbstzeit ist Visionierungszeit, wie alle Jahre wieder.

Schliesslich gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen – sprich: die zahlreich eintrudelnden Filmerzeugnisse auf eine vernünftige Quantität, eine ansehnliche Vielfalt und publikumsbekömmliche Qualität zurechtzustutzen – und diese alles innert dreier Wochen.

Keine viereckigen Augen

Punkt neun Uhr morgens läuft der erste Film an, am Abend wird die Leinwand frühestens nach 23 Uhr dunkel. Dazwischen kurze Pausen, Spaziergänge durch die Gassen und ein geselliges Abendessen in der Altstadt. Für die Arbeitszeit selbst ist Sitzleder ein Trainingsvorteil und Koffein ein Treibstoff. «Ausser Filmeschauen machen wir in dieser Zeit sonst nicht viel», so Seraina Rohrer. Angesichts eines so sportlichen Filmmarathons hallt aus der eigenen Kindheit das elterliche Echo nach, die bekannte urbane Legende: «Du kriegst noch viereckige Augen.»

Nicht so im Uferbau – trotz geschätzter 17 462 Minuten Filmmaterial: «Nein, viereckige Augen hat hier erfahrungsgemäss keiner, höchstens rote», meint Seraina Rohrer schmunzelnd. So ist die Leinwand nicht nur dazu da, das Kinoambiente angemessen zu vermitteln – man tut auch seinen Augen einen Gefallen. Dennoch musste im vergangenen Jahr ein Kommissionsmitglied zum Augenarzt. Diagnose: Überanstrengung für die Augen, gepaart mit heizungsgetrockneter Saalluft.

Kopfkino am Aaremürli auslüften

Dass ein gesunder Cineastengeist in einem ebenso gesunden Cineastenkörper sitzt, hat man im Laufe der Jahre bei der Visionierung aber gelernt. Seit dem letzten Jahr schaut eine Masseurin regelmässig vorbei, um der «Leinwand-Äcke» heilzukneten. Ein Fitnessvelo hat sich neuerdings ebenfalls hinzugesellt – zu den Gabentischen mit Früchten, Gipfeli, Flüssig- und Süssigkeiten, den Schreibtischen mit Notizblöcken, Laptops und der ganzen Einrichtung, die ein Filmexpertenteam halt so braucht.

Im Uferbau in Solothurn werden innert 3 Wochen 600 Filme für die Filmtage visioniert.

Wie schafft man es, drei Wochen lang Filme zu schauen, Seraina Rohrer?

Aber durchs Radeln werden nicht allfällige Stromausfälle des Beamers überbrückt – nein: «Das Trainingsgerät kommt zum Einsatz, wenn man unruhige Beine bekommt», sagt Seraina Rohrer. Wohlgemerkt auch während des Filmeschauens. Sonst vertritt die Auswahlkommission auch gerne mal draussen die Füsse. Wenn der goldene Herbst lockt, wird das Kopfkino am Aaremürli ausgelüftet. «Zuweilen schauen wir auch den Wasservögeln und Flusskrebsen zu», schwärmt Rohrer weiter.

Es gibt viel zu lachen

Und dann ist da die – meist – lustvolle Arbeit selbst, die wach und bei Laune hält. «Gerade bei guten Filmen geht die Müdigkeit vergessen», so Filmwissenschafterin Jenny Billeter. Was natürlich kein Gradmesser für das cineastische Urteil sein darf: «Schliesslich gehen wir mit der gleichen Professionalität an alle Einreichungen heran.» Dafür schätzt Billeter, dass Seraina Rohrer bereits bei der Visionierung auf eine gute Programmierung Wert legt.

Gerade in den Abendstunden sind deshalb eher die leichten, lustigen Filme dran. «Viel zu lachen haben wir allemal», fügt Rohrer an. So machen Komödien ohnehin einen stattlichen Anteil der diesjährigen Einreichungen aus, eine Tendenz, die die Auswahlkommission bereits jetzt verraten darf. Meistens wachsen die Themenschwerpunkte, die später Anlass für Podien oder anderen Veranstaltungen geben werden, aus dem bestehenden Material heraus. Für Filmkritiker Vincent Adatte ist die Visionierung gleichzeitig auch eine aufschlussreiche Werkschau auf das aktuelle Schaffen des Schweizer Films. «Die Vielfalt der Filme ist sehr wichtig. Und sie ist im aktuellen Jahr auf alle Fälle vorhanden», findet er.

Fächer an Kriterien

Einfach ist die Auswahl bei dieser Kinodiversität an Einreichungen ohnehin nicht. Das audiovisuelle Medium ist dem Normalbürger nämlich nicht nur in der Rolle als Zuschauer und Kritiker, sondern auch in jener als «Filmemacher» zugänglicher geworden: «Bereits in den Siebzigern hat sich das Filmemachen durch die Videokamera quasi demokratisiert.»

Angesichts der Möglichkeiten, die die neuen Medien mit YouTube und Co. bieten, kann theoretisch jeder sein Familienfilmchen von den Strandferien einreichen. Womit wir wieder bei der Spreu wären: «Wir hatten allerdings auch schon Filme, die von Leuten – ohne Mittel und Ausbildung – eingereicht wurden und die es ins Filmtage-Programm geschafft haben», so Rohrer.

Beurteilt werden die Filme nach einem Fächer an Kriterien. Formale Aspekte wie technische Umsetzung, Kameraführung oder Licht müssen stimmen, das heisst, dem Thema gerecht werden. «Und es geht immer um die Tiefe des Films», erklärt Rohrer. Hält er einen Fokus? Wie wird ein Thema zugänglich gemacht? Wie verändert sich der Film, wie spitzt er sich zu, wie verdichtet er sich? Weil aber das Verfahren nicht einfach mechanisch abläuft, braucht es zu guter Letzt das Gespräch in der Kommission. «Es gibt Filme, die unisono eine gute Beurteilung erhalten. Einzelne wiederum fallen bei allen durch.» Interessant werde es jedoch beim Mittelfeld: «Wenn ein Film Diskussionen auslöst, Reibungen erzeugt, dann hat das was für sich. Unsere Devise: im Zweifelsfall für den umstrittenen Film.» Denn auch darum geht es ja bei den Filmtagen: ums Reinschauen und Darüberreden. Und um die Erkenntnis, dass es auch zwischen Spreu und Weizen viel Sehenswertes gibt.