«Am Dienstag ist das vorgesehen Kleinkind leider aus gesundheitlichen Gründen ausgestiegen», weiss Richard Hürzeler, reformierter Kirchgemeindeverwalter und Co-Organisator der «Wienachtsreis». Notfalls würde die vorgesehene Mutter statt mit ihrem Kind halt eine Puppe in die Krippe am Märetplatz legen, «aber wir suchen verzweifelt nach einem richtigen Kind.»

Das war am Donnerstagvormittag. Nachmittags war Hürzeler dann überglücklich: «Über die Facebook-Seite der Solothurner Zeitung hat eine junge Luzernerin mit Solothurner Wurzeln von unseren Problemen erfahren und sich prompt gemeldet.» Nun werde sie mit ihrem sechs Wochen alten Sohn Nico am Freitag zur Kleider-Anprobe in Solothurn erscheinen. 

Denn all die 14 Jahre, seit die Landes- und Freikirchen den beliebten Anlass durchführen, hat es immer geklappt. Ein bis zwei Monate alt müsse das Kind sein, «es sollte natürlich noch nicht aus der Krippe krabbeln, aber auch nicht gerade erst zur Welt gekommen sein», erklärt Hürzeler.

Stefanie Fritschi wurde von einer Kollegin unter dem Facebook-Post markiert. So erfuhr sie, dass noch ein Jesuskind gesucht wurde. «Ich habe schon als Teenager immer gerne die ‹Wienachtsreise› mitverfolgt», erzählt sie. Der Anlass in der Solothurner Altstadt kollidierte allerdings mit einer anderen Verabredung. Eigentlich wären sie, ihr Mann und Nico am Sonntag an eine Geburstagsfeier eingeladen gewesen. «Aber da ich sozusagen in Solothurn aufgewachsen bin und meine ganze Verwandtschaft von da kommt, habe ich mich kurzerhand entschieden, einmal bei den Organisatoren nachzufragen.» Und so werden Nico und seine Mutter am Sonntag als Jesuskind und Maria auf dem Märetplatz präsent sein. Ein Bekannter übernimmt die Rolle des Josef.

Ein neuer Herodes

Eine prägende Figur – die einzige mit einer Sprechrolle in der 50-köpfigen Darstellertruppe – ist jeweils König Herodes, der inmitten seines Hofstaates vor St. Ursen seine Häscher nach dem Jesuskind ausschickt.

Nach 14 Jahren hat nun Jürg Meier den Dienst quittiert. «Sein Nachfolger, Ralph Betke, hat letztes Jahr die Szenen genau studiert und auch gefilmt», sieht Richard Hürzeler den reformierten Zuchwiler Pfarrer bestens vorbereitet für den grossen Auftritt am Sonntag. Betke war übrigens schon vorher als römischer Centurio beim Bieltor im Einsatz gewesen.

Und noch eine Demission

Ebenfalls aufgehört hat nach 14 Jahren Regula Buob als Organisatorin. «Sie hat jeweils akribisch geschaut, dass die Szenen authentisch herüberkamen», so der Kirchgemeindeverwalter. Für sie sei allerdings noch kein Ersatz gefunden worden, bedauert er.

Ansonsten spielt sich die Szenerie im bewährten Rahmen ab: Um 14 Uhr marschiert der ganze Tross feierlich durch das Bieltor in die Stadt ein, dann verteilen sich die einzelnen Gruppen auf ihre Standorte. Die Hirten mit ihren Schafen erwarten die Ankunft des Messias auf dem Friedhofplatz; Herodes spinnt seine Intrigen vor der Kathedrale; Legionäre besetzen die Stadtzugänge und registrieren das Volk von Salodurum; die Heilige Familie fristet ihr kärgliches Dasein in der Krippe auf dem Märetplatz.

Unterwegs sind neben Legionären, die nach dem neu geborenen König der Juden suchen müssen, auch die drei Weisen aus dem Morgenland mit ihren Kamelen – allerdings mit edleren Absichten. Um 16.15 Uhr geht die «Wienachtreis» mit dem gemeinsamen Weihnachtssingen auf dem Märetplatz zu Ende.

Richard Hürzeler hofft, dass sich das Unken der Wetterfrösche nicht erfüllt: «Wir hatten schon letztes Jahr Regen, Schnee und Wind. Gutes Wetter ist für die Motivation der Darsteller, aber auch des Publikums halt wichtig.»

Mitarbeit: Lea Durrer