Solothurn
Freiwillige unterstützen Asylsuchende: «Mittlerweile ist eine Vertrautheit entstanden»

Seit 2015 unterstützen Freiwillige die Sozialen Dienste Solothurn. So auch in der Gruppenunterkunft «Gibelin».

Andreas Kaufmann
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Die fünfköpfige «Gibelin»-Freiwilligengruppe (v.l. Corinne Havrda, Eva Steiner, Barbara Probst, Agathe Küng und Peter Andraschko) und einige der jungen Männer aus Eritrea.

Die fünfköpfige «Gibelin»-Freiwilligengruppe (v.l. Corinne Havrda, Eva Steiner, Barbara Probst, Agathe Küng und Peter Andraschko) und einige der jungen Männer aus Eritrea.

Hansjörg Sahli

Mit Händen, Füssen und ein wenig Englisch wurde damals kommuniziert. Damals, das war im Herbst 2015, als die Gibelin-Abbruchliegenschaft im Weitblick-Areal zur Asylunterkunft umfunktioniert wurde. 16 Asylsuchende aus Eritrea zogen ein, heute sind es noch 12 ständige Bewohner im Alter zwischen 18 und 35. Dazu zählen auch jene, die nach der Schliessung der Unterkunft an der Dornacherstrasse hinzukamen.

Zu Spitzenzeiten aber waren 20 Männer hier und im Nebengebäude einquartiert. Ihr hauptsächlicher Kontakt im fremden Land: die fünfköpfige Freiwilligengruppe mit Corinne Havrda, Eva Steiner, Barbara Probst, Agathe Küng und Peter Andraschko. Und dieselben Gesichter sind es noch heute – nur die Sprache ist anders.

Man unterhält sich auf Deutsch, wenn die regelmässigen Haussitzungen anstehen. «Ein neuer Fussball muss her», wiederholt Steiner die Wünsche aus der Gruppe und notiert eine weitere Pendenz: «Ach ja, und der Wasserkocher muss ersetzt werden.» Darüber hinaus erfolgt die Mahnung, den Kehricht nicht im Gang stehen zu lassen.

Balance hat sich eingestellt

Neben sprachlichen Problemen kämpften die Asylsuchenden vor drei Jahren mit der Schwierigkeit, hier anzukommen und sich zurechtzufinden. «Heute funktioniert der Betrieb gleichmässiger», sagt Andraschko. Und es sind weniger Hausbesuche nötig. «Die Asylsuchenden wissen sich gegenseitig gut zu helfen.» Dass es sich dabei um eine kulturell homogene Gruppe handelt, ist ein erleichternder Umstand, weiss Probst.

Selbsthilfe hin oder her: Dass sich so die nötigen Hilfestellungen der von den Sozialen Diensten eingesetzten Freiwilligen damit von selbst abschaffen, bleibt eine unbestätigte These. Andraschko weiss: «Solange sie in einer Asylunterkunft sind, braucht es Betreuung.»

Sauberkeit, das Zusammenleben, technische Schwierigkeiten, beispielsweise um elektrische Sicherungen oder Handyprobleme – erfordern weiterhin den Einsatz der Freiwilligen. Hilfe ist auch nötig bei Formularen und Briefen.

Und was die Ordnung angeht: «Wenn man nicht kontrolliert, fallen die junge Männer in alte Gewohnheiten.» Abfall bleibt ein Dauerbrenner. Havrda wendet ein: «Aber sie sind selbstständiger geworden. Und wir können auch via Whatsapp mit ihnen kommunizieren.» Letztlich sei es wichtig, dass sie die Selbstständigkeit erlangen, um später in einer Wohnung leben zu können, ohne mit dem Vermieter in Konflikte zu geraten, verdeutlicht Steiner.

Schulunterricht hilft

Hilfreich ist auch, dass die angebotenen Deutschkurse oft auch alltagsrelevante Inhalte und Lebenshilfen vermitteln. Und: «Seitdem die Asylsuchenden zur Schule gehen können, hat sich vieles verändert – sie erhalten eine Tagesstruktur.» Und so erlebt man in der Unterkunft Geschichten der gelungenen Integration, aber auch solche, wo die Integration noch auf sich warten lässt. Das Warten auf Entscheide zu den Asylgesuchen ist zermürbend, das wissen die Helfer, «und speziell im Winter zeigt sich der Lagerkoller», ergänzt Probst.

Der 29-jährige Estifanos blickt auf eine lange Reise durch Asylzentren zurück, bis er im April 2016 im «Gibelin» ankam. «Alles ist gut in der Schweiz», sagt er. Nur eben: das Warten. «Als gelernter Automechaniker habe ich keine Chance auf einen Job», deutet er auf den N-Ausweis an. «Nur schlafen und essen – wie ein Kind.» Immerhin: In einigen Tagen kann er einen Lehrvorbereitung bei der Regiomech besuchen.

Und dann das Private: Mit seiner Frau, die ebenfalls in der Nähe wohnt, kann er lediglich am Bahnhof abmachen. Oder in der Asylunterkunft – bis 22 Uhr. Sein Kind lebt noch in Äthiopien, bei der Grossmutter. Schwierig sei es auch für ihn, mit Schweizern Kontakt aufzunehmen, sagt der 23-jährige Mebrahtom. Dafür findet der 22-jährige Yonas Struktur durch Arbeitseinsätze bei der Velostation oder bei Regiomech, aber auch im Deutschkurs – und zuguterletzt beim Sport. So kickt er beim FC Post mit und findet so Anschluss. Ein weiterer Bewohner hat sich einer Läufergruppe angeschlossen und knüpft so joggend neue Kontakte.

Vielen Bewohnern scheint auch der Glaube ein Anker zu sein: Jesus-Poster prangen an den Wänden, auf der Wandtafel steht in Tigrinja-Schrift ein Bibelvers. Regelmässig finden hier Gebetstreffen statt – auch Eritreer anderer Ort finden sich dazu ein.

«Wir sind auf ihrer Seite»

Und dann sind da eben die freiwilligen Helfer. «Gerade am Anfang war es wichtig, die Distanz zu wahren», erinnert sich Steiner. Man ist angehalten, niemanden zu bevorzugen.» Und die Frage nach den Begleitumständen ihrer Flucht wurde den Asylsuchenden nicht gestellt. «Mittlerweile ist eine Vertrautheit entstanden», schlägt Steiner den Bogen zur Gegenwart. So dass man auch spüre, wenn die Stimmung im «Gibelin» im Keller ist. «Und einmal im Jahr bräteln wir, das ist auch für uns schön.»

Auch wenn man sich manchmal über einzelne Situationen fürchterlich aufregen kann: «Ich habe sie gern gewonnen», sagt Küng, die selbst auch im Quartier wohnt. «Wichtig ist, dass wir vermitteln können, dass wir es gut mit den Asylsuchenden meinen und dass wir auf ihrer Seite sind», sagt Havrda und ergänzt: «Auch, wenn wir als freiwillige Helfende letztlich nur wenig bewirken können.»

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