Architektur
Frauen aus Havanna als Vorbild: Solothurner Architektin setzt sich für Gleichstellung in ihrer Branche ein

Die Solothurner Architektin Christine Heidrich setzt sich mit ihrem Buch «Frauen erneuern Havanna» für mehr Gleichstellung in ihrer Berufsbranche ein. Für ihr Werk reiste sie dreimal nach Kuba.

Fabio Vonarburg
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Architektin Christine Heidrich auf Recherche in Havanna.

Architektin Christine Heidrich auf Recherche in Havanna.

Zur Verfügung gestellt

Architektin Christine Heidrich ist fasziniert von Havanna. Einerseits, weil die Stadt eines der grössten lebenden Architekturmuseen der Welt sei, wie die Solothurnerin im Gespräch erzählt. Doch in erster Linie ist es etwas anderes, was Heidrich begeistert. Die Frauen von Havanna, die das Stadtbild der Hauptstadt von Kuba derart prägen.

Denn es liegt mehrheitlich in der Hand von Architektinnen und Bauingenieurinnen, wie sich die Altstadt von Havanna weiterentwickelt: Im Architekturbüro, das die Altstadt unter sich hat und über 200 Angestellte beschäftigt, sind die Frauen gegenüber den Männern klar in der Mehrheit. Vor allem in der Leitung, die zu 80 Prozent aus Frauen besteht, wie Heidrich erzählt. Diese Architektinnen und Bauingenieurinnen tragen einen grossen Teil dazu bei, das historische Erbe der Altstadt zu erhalten, aber mit der heutigen Bautechnik weiterzuentwickeln.

Zwölf Interviews und drei Reisen nach Kuba

«Diese Leistung der Frauen von Havanna muss man publik machen», war der Gedanke von Heidrich, als sie selber per Zufall davon erfuhr. Seither reiste sie insgesamt drei Mal nach Kuba, führte dabei Interviews mit zwölf Architektinnen und Ingenieurinnen und machte Bilder der bedeutendsten Bauwerke der Altstadt, an denen Frauen mitgewirkt haben. Entstanden ist nach drei Jahren Arbeit das Buch «Frauen erneuern Havanna. Architektinnen, Ingenieurinnen und ihre Bauwerke im architektonischen Weltkulturerbe der Altstadt».

Informationen zum Buch und zur Ausstellung

Das Buch «Frauen erneuern Havanna» von Christine Heidrich ist im Kehrer-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich. Interessierte können das Buch auch direkt in der Grünen Fee oder über die Website www.raumresonanz.ch beziehen. Es kostet bei der Autorin 50 Franken, dazu gibt es Postkarten. (fvo)

Die Bedeutung dieser zwölf Frauen fasst Tatiana Fernández de los Santos, die im Büro des Stadthistorikers von Havanna arbeitet, im Vorwort zum Buch wie folgt zusammen. «Jede einzelne Frau hat eine Geschichte in jeder Ecke der Altstadt, hinter den alten und den neuen Mauern. Man kann sie im Ergebnis ihrer Arbeiten sehen, mit der Erinnerung an die vergangenen Jahre, und man kann den Traum wahrnehmen, den sie noch haben.»

Nicht in der Architektur-Nische bleiben

Mit ihrem ersten Buch richtet sich Architektin Heidrich nicht nur an Berufskolleginnen und -kollegen. Bewusst will sie auch zum Beispiel Architekturinteressierte und Kuba-Fans ansprechen. «Sonst bleibt es in der Architektur-Nische, und das wäre schade», sagt Heidrich, die nicht nur die Leistung der Frauen publik machen will. Das Buch will auch zum gesellschaftlichen Wandel in der Schweiz beitragen, denn aus Sicht von Heidrich ist die Gleichstellung der Geschlechter in der Architektur-Branche noch nicht hergestellt.

«Obwohl die Hälfte der Architekturstudierenden Frauen sind und es viele qualifizierte Architektinnen gibt, sind die meisten Führungspositionen in der Architektur noch immer in Männerhand, vor allem an den Universitäten», begründet Heidrich. Grund dafür sei unter anderem die familienunfreundliche Arbeitszeitenregelung in vielen Architekturbüros. Doch wer Kinder habe, sei auf Teilzeitarbeit angewiesen. Heidrich: «Letztlich nehmen vor allem Frauen die familiären Aufgaben wahr und verzichten für viele Jahre auf ihre Karriere.»

Buch soll auch Schweizer Architektinnen ermutigen

«Die Leistungen der kubanischen Frauen sollen auch hierzulande Frauen dazu ermutigen, in der Architektur mehr Führungspositionen einzunehmen und zudem das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Leistungen von Architektinnen stärken», so die Architektin. Seit 18 Jahren wohnt Heidrich, die in Hannover und Zürich studiert hat, in Solothurn. Seit 15 Jahren ist sie mit ihrer Firma Raumresonanz in der Architektur, Innenarchitektur und Architekturgeschichte tätig. Sie ist zudem Mitinhaberin und Architektin des Lokals Die Grüne Fee am Klosterplatz.

Gesprächsrunde an der Vernissage von letzter Woche: Ewa Maria Wolanska, Christine Heidrich und Peter Widmer (von links)

Gesprächsrunde an der Vernissage von letzter Woche: Ewa Maria Wolanska, Christine Heidrich und Peter Widmer (von links)

zvg/Lara von Däniken/fotofaszination.com

In diesem findet derzeit auch eine Ausstellung statt, in der ein Teil der Bilder aus dem Buch gezeigt wird. Die Bilder der Bauwerke haben Heidrich selber sowie andere Fotografen und Fotografinnen gemacht, darunter Ewa Maria Wolańska, die auch für die letzten Seiten im Buch verantwortlich zeichnet. In einem fotografischen Essay nimmt sie die Leserinnen und Leser mit auf einen Stadtrundgang durch Havanna. Im Buch vertreten ist auch der Solothurner Architekt Peter Widmer. In seinem Beitrag zur Restaurierung von Wandmalereien in Havanna berichtet er über den mehrjährigen Austausch zwischen der Schweiz und Kuba, den er Ende der 1990er Jahre organisiert hat.

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