Nomination fürs Stadtpräsidium
Franziska Roth: «Ein Gezeitenwechsel tut der Stadt Solothurn gut»

Die SP nominiert Franziska Roth als Gegenkandidatin zum amtierenden Solothurner Stadtpräsidenten Kurt Fluri. Doch welches Bild zeichnet die Sozialdemokratin mit Übernamen «Rosso» vom künftigen Solothurn?

Andreas Kaufmann
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Franziska Roth: «Man kann eine Stadt auch kaputt sparen, wie wir am Beispiel unserer maroden Bausubstanzen sehen»

Franziska Roth: «Man kann eine Stadt auch kaputt sparen, wie wir am Beispiel unserer maroden Bausubstanzen sehen»

Hansjörg Sahli

Manche sagen, Kurt Fluri habe nach sechs Amtszeiten sehr grosse Fussstapfen hinterlassen. Wie stehts um Ihr Schuhwerk?

Ausser auf dem Mond bleibt ein Schuhabdruck nicht für alle Ewigkeit sichtbar. Was mich betrifft, so stehe ich aber mit beiden Beinen fest auf dem Boden, in Arbeitsschuhen, Sport- wie auch Tanzschuhen.

Warum muss Fluri weg?

Kurt Fluri muss nicht weg, er soll unbedingt als starker Nationalrat von Bern jeden Abend heim nach Solothurn kommen. Im Ernst: Ich denke und handle nicht in der Kategorie, dass meine Gegner weg müssen. Fluri hat die Stadt positiv vorwärts gebracht. Seine Leistungen gilt es zu würdigen. Aber: Ein Gezeitenwechsel tut dieser Stadt auch gut. 1993 wurde Fluri als Stadtpräsident gewählt. Damals löste Bill Clinton George W. Bush ab und Adolf Ogi war Bundespräsident. Es ist Zeit für einen Wechsel. Schauen Sie nach Deutschland. Seit Schulz als SP-Kanzlerkandidat auf die Bühne getreten ist, kommt Bewegung in den Wahlkampf. Die Menschen stellen fest, dass Merkel schon zwölf Jahre im Amt ist und Schulz als wählbare Alternative wahrgenommen wird. So gesehen sehe ich mich als frische Kraft mit nötigem Respekt vor dem Amt. Ich trete ja nicht ohne Vorstellungen an und behaupte auch nicht, die Bearbeitung der Dossiers sei ein Kinderspiel.

Fassten Sie sich allein für die Gegenkandidatur ans Herz? Oder haben Genossen Sie dazu ermutigt?

In der SP ist Personalpolitik ein Dauerthema. Die Idee anzutreten, entstand nicht von heute auf morgen. Ich persönlich plane meine Laufbahn seit jeher seriös. Ich bin jetzt 50 Jahre alt, habe einen guten beruflichen und politischen Rucksack. Ich weiss, dass ich nun im besten Alter bin, um die Stadt kompetent und mit Einbezug aller zu führen.

Regierungsrätin stand auch zur Diskussion – bevor Sie Richtung Stadtpräsidenten-Kandidatur abbogen...

Man munkelt, ich hätte als Regierungsrats-Kandidatin noch die grösseren Chancen. Ich gehe als doppelter Widder aber nicht den Weg des geringen Widerstandes. Ich stehe für das ein, was ich will, weil ich es kann. Was für die einen nun nach dem Motto: «Mit em Gring dür d Wang» erscheint, ist für mich wie vorhin gesagt seriöse Planung. Als Stadtpräsidentin bin ich nahe bei der Bevölkerung, zudem kann ich zusammen mit dem Gemeinderat das gerechtere Zusammenleben gestalten.

Sie verwehren sich dagegen, Mandate anzuhäufen. Was passiert mit Ihrer Tätigkeit als Heilpädagogin, SP-Kantonalpräsidentin, Kantonsrätin und Stiftungsrätin des Discherheims nach erfolgreicher Wahl?

Ich wehre mich dagegen, dass es möglich sein soll, 200 Prozent zu arbeiten, ohne dass die eine Arbeit unter der anderen leidet. Es würde mir niemand glauben, dass ich zu 100 Prozent für die Stadt da bin, wenn ich noch 60 Prozent im Thal als Heilpädagogin unterrichten würde. Ich hoffe, dass ich als Kantonsrätin wieder gewählt werde und würde bei einer Wahl zur Stadtpräsidentin dieses Amt bis zum Ende der Legislatur ausüben. Diese Kombination finde ich legitim und sowohl dem Kanton wie dessen Hauptstadt dienlich. Das Amt als Kantonalpräsidentin führe ich nun seit fünf Jahren aus. Ich bin keine Freundin der langen Amtszeiten, denn es besteht die Gefahr des Abstumpfens. Ich werde nicht von heute auf Morgen das Amt abgeben, aber meiner Ideologie folgend auch nicht noch weitere fünf Jahre ausüben. Stiftungsrätin Discherheim ist ein wunderbares Mandat. Diese unentgeltliche Arbeit ist zeitlich nicht intensiv.

Wo hätte die städtische Verwaltung eine Auffrischung nötig?

Die Verwaltung funktioniert gut. Mehr Zeit für die Führung der Verwaltung ist dennoch wichtig. Die Führungsverantwortung interpretiere ich anders als Fluri. Eine offene Kommunikation und eine enge Zusammenarbeit mit den Verwaltungsleitenden bedingt für mich das «vor Ort sein». Diese Stadt hat eine Stadtpräsidentin verdient, die 100 Prozent für sie da ist. Eine Führung, die erreichbar, hörbar und verfügbar ist. Eine Stadt kann man nicht von 20 Uhr bis 2 Uhr führen. Eine offene Kommunikation nach innen und aussen und das harte faire Debattieren im Gemeinderat soll die Arbeit in der Verwaltung zugunsten aller unterstützen.

«Pro Johr guubt’s zwänzg Beamti meh, wozue’s die bruucht, das wird me gseh», lästert die Fasnachtspresse zu Ihrer Kandidatur. Stimmt das?

Ja sicher. In 24 Jahren ist Solothurn nur noch Verwaltung mit 16 000 Beamten und das Stadtpräsidium wird rot gestrichen. Nein, ernsthaft: Die Verwaltung leistet jeden Tag ihren Beitrag. Aber wir sind auch Gewohnheitstiere mit hohem Anspruch. Deshalb nehmen wir die Leistung vielleicht nicht mehr so offenkundig wahr. Doch es geht auch um Stadtmarketing, nicht nur um Verwaltung. Die Einsetzung einer neuen Stelle, zum Beispiel bei Sport und Kultur, wäre eine Investition. Selbstverständlich ist der Aspekt der Finanzierung immer Teil der Überlegung. Wird unter dem Strich mehr Qualität generiert und entstehen auch noch mehr Einnahmen , ist so ein Projekt sinnvoll.

Fluri warnt immer davor, in guten Zeiten auszubauen, was in mageren Zeiten wieder abgeschafft werden muss. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Es geht um eine aktive Gestaltung und den Erhalt unseres Lebensraumes mit vorhandenen Mitteln. Projekte müssen langfristig finanzierbar sein, das ist logisch. Man kann eine Stadt auch kaputt sparen, wie wir am Beispiel unserer maroden Bausubstanzen sehen.

Ist Ihnen die Rückendeckung der Grünen im Wahlkampf auf sicher?

Ja, wir haben miteinander gesprochen. Die Unterstützung wurde zugesichert.

Wie sieht es mit Roth-Fans in den Reihen der CVP aus?

Eigentlich ist es ja historisch bis zum Bischof hinauf bekannt, dass Knecht Roth die Stadt gerettet hat. Im Gemeinderat ist die Zusammenarbeit mit der CVP sehr konstruktiv. Ich bin zuversichtlich, dass ich auch Stimmen aus dem bürgerlichen Lager abholen kann.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit dem Rest der bürgerlichen Flanke vor?
Wer Tore schiessen will, braucht auch mal einen gut gespielten Schuss von der rechten Flanke. Stadtpräsidentin sein heisst für mich, auch eine von 30 zu sein. Die Exekutive zu führen ist unabdingbar damit verbunden, die anderen 29 einzubeziehen. Im Gemeinderat beschlossene Abläufe sind einzuhalten und Änderungen zur Diskussion zu stellen. Smartvote verordnet mich im Spektrum ganz links. Mein Übername «Rosso» bedeutet ja auch einiges. Klar stehe ich für meine Überzeugungen ein, was nicht heisst, dass ich nicht andere Argumente und Entscheide akzeptieren kann. Als Sozialdemokratin sehe ich mich als Teil unserer pluralistischen Demokratie, auf die ich stolz bin.

Wie geht Franziska Roth mit Entscheiden um, die sie entgegen ihrer politischen Haltung nach aussen vertreten muss?

Offenheit ist einer meiner Grundsätze. Als Stadtpräsidentin werden meine Türen offen stehen. Ich scheue keine Diskussion, weder mit den Einwohnerinnen und den Einwohnern noch mit den politischen Gegnern und sehe die Beschlüsse nach harten, fairen Debatten im Gemeinderat als Mandat und nicht als Hürde. Auch werde ich nicht leiden, sollte ich Entscheide vertreten müssen, die nicht mit meiner Prägung übereinstimmen.

Wie sieht das Nachtleben unter Stadtpräsidentin Roth aus?

Natürlich vielfältiger als heute – für Jung und Alt. Nicht nur hier muss man das Nachtleben neu regeln. Das Thema betrifft die ganze Schweiz. Schauen Sie nach Zürich, Lausanne, ja gar in Berlin oder München wird das Nachtleben immer wieder neu ausgehandelt. Die Städte wandeln sich in allen Bereichen, damit entsteht auch das Bedürfnis nach einem pulsierenden Nachleben. Und Nachtleben ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Es ist an der Zeit, mit den Veranstaltern an einen Tisch zu sitzen und die Fragen des Zusammenlebens auch für die Nacht zu beantworten.

Und wie sieht das Westquartier «Weitblick» in 20 Jahren aus?

Es sind nachhaltige Konzepte realisiert, bei denen die Stadt als Grundeigentümerin ihre Verantwortung wahrgenommen hat. Es hat sowohl für Investoren, wie auch für Baugenossenschaften Platz auf dem Gelände. Der öffentliche Raum ist gestaltet, im Quartierzentrum «Henzihof» trifft sich Jung und Alt.

Wie knapp werden Sie die Wahl gewinnen?

Schauen Sie beim nächsten Espresso in den Kaffeesatz.

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