Bis vor fünf Jahren waren in der Zentralbibliothek Solothurn 25000 bis 30000 alte Bücher nicht katalogisiert. Der Forschung war also teilweise nicht bekannt, was in den Magazinen steht. Mittlerweile sind dank neuen Geldern des Kantons, der Stadt und der Freunde der Zentralbibliothek an die 90 Prozent der alten Drucke aus dem 15. und 16. Jahrhundert erfasst und im Internet ersichtlich. Deshalb werden immer mehr Forscher aus der ganzen Welt auf den Buchbestand in Solothurn aufmerksam.

Jüngstes Beispiel sind die Notizen von jungen Solothurner Patriziersöhnen wie Hieronymus von Roll oder Hans Jakob vom Staal, die beim Schweizer Universalgelehrten Glarean (1488–1563) in Freiburg im Breisgau studiert haben. Mit 20 solcher Vorlesungs-Nachschriften besitzt Solothurn den weltweit grössten Bestand. Immer mehr Wissenschafter aus England, Deutschland und den USA werden auf die Bücher aufmerksam und pilgern nach Solothurn. Ende Januar fand nun in der Zentralbibliothek eine internationale Tagung zu Glarean und seinen Schülern aus Solothurn statt.

Was las die katholische Elite?

«Es ist kein Zufall, dass wir in Solothurn vieles zu Glarean besitzen», sagt Ian Holt, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Zentralbibliothek. «Nach der Reformation studierte die katholische Elite der Schweiz im katholischen Freiburg im Breisgau, und Glarean war für sie der wichtigste humanistische Gelehrte.» In den Magazinen in Solothurn befinden sich rund 1000 Bücher aus dem Besitz von ehemaligen Glarean-Schülern. Ein wichtiges Ergebnis der Tagung war deshalb, dass sich anhand der vielen in Solothurn befindlichen Vorlesungs-Nachschriften und Kommentare nicht nur die didaktischen Methoden Glareans oder der universitäre Lehrbetrieb erforschen lässt.

Auch zur Solothurner Geschichte im 16. Jahrhundert (Holt: «eine kulturelle Blütezeit») liessen sich neue Erkenntnisse gewinnen, würden die aus den Bibliotheken der führenden Patriziergeschlechter stammenden Bücher genauer untersucht. Eine mögliche Frage wäre: Was haben katholische Patrizier oder Geistliche in der frühen Neuzeit gelesen? «Bisher wurden in der Schweiz nur reformierte Bibliotheken genauer auf diese Frage untersucht», erklärt Ian Holt.

«Es wäre spannend zu wissen, ob und wie sich die Bildungshorizonte der katholischen und reformierten Elite unterscheiden.» Die Bibliotheken der reichen Solothurner Familien sind praktisch vollständig überliefert. «Deshalb gilt der Buchbestand der Zentralbibliothek Solothurn aus dem 15. und 16. Jahrhundert als einer der bedeutendsten in der Schweiz.»