Nach den Wahlen ist vor den Wahlen. Dies gilt vor allem für die zwei Bestgewählten vom Sonntag, die sich am 2. Juli erneut duellieren: Stadtpräsident Kurt Fluri (FDP) und Gemeinderätin Franziska Roth (SP). 2816 gegen 2407 Stimmen lautete das Skore zuletzt für den alten Fuchs Fluri. Beide hatten gegenüber 2013 um fast 700 Stimmen zugelegt, Roth ein bisschen mehr als der Stadtpräsident. 

Doch woher kamen die Stimmen? Auffallend: Die SP-Frau erhielt 419 Stimmen von unveränderten eigenen Partei-Wahlzetteln, Kurt Fluri nur gerade 245, was ein grelles Licht auf die FDP-Stimmdisziplin wirft. Denn Fluri bekam 2571 Stimmen von veränderten Wahlzetteln.

Nebst den 1391 Stimmen von abgeänderten FDP-Listen (Roth 1083 SP-Listen) erhielt der Stadtpräsident 240 Stimmen von CVP-Listen (Roth nur 63), 122 von SVP-Listen (Roth gerade mal 21), sowie stattliche 93 von GLP-Wahlzetteln (Roth noch 69). Kaum ins Gewicht fielen 16 EVP-Stimmen für Fluri gegen 14 für Roth. Dagegen erhielt sie von grünen Listen 332 Stimmen, Fluri nur 109. Spannender ist, dass Roth nur gerade auf 89 FDP-Listen punktete, Fluri dagegen auf 219 SP-Listen. Auch auf Wahlzetteln ohne Parteibezeichnung holte Fluri mit 361 Stimmen ein klares Plus gegenüber Roth mit 317 Stimmen.

Was der FDP schadete

Gleich mehrere Faktoren führten zum desaströsen Sitzverlust der FDP, der ihr wohl den Verlust der bürgerlichen Mehrheit in der GRK bringt. 38'718 Stimmen oder 27,6 Prozent Wähleranteil für die FDP – 1116 Stimmen weniger und nur 26,4 Prozent Wähleranteil für die SP. FDP neu noch 8 Sitze, SP neu 9. Soweit unlogisch. Doch dank der Listenverbindung der SP mit den Grünen mathematisch möglich, wenns um das Verteilen eines Restmandats geht.

Zünglein an der Waage dürften die 2022 Stimmen der grünen Top-Kandidatin Brigit Wyss gewesen sein, die als neu gewählte Regierungsrätin zwar nie Gemeinderätin wird, aber der Partei und der rotgrünen Allianz wohl 800 bis 900 zusätzliche Stimmen eingetragen hat. Für die FDP bitter – aber soweit legal. Denn Wyss könnte sogar «an der ersten Sitzung noch im Gemeinderat mitwirken, weil sie als Regierungsrätin erst später anfängt. Und dann im Gemeinderat zurücktreten. Was sie aber nicht machen wird», wie Heinz Flück für die Grünen erklärt.

Dritter Faktor: Die Energiestrategie führte zu einer höheren Stimmbeteiligung – 43,1 gegenüber 36,7 Prozent vor vier Jahren. Mobilisiert wurden damit eher linke Stimmberechtigte, und so meinen Kurt Fluri wie FDP-Parteipräsident Urs Unterlerchner: «In vier Jahren wird uns keine solche Vorlage schaden.»

Ältere Semester eher tabu

Bedauert wird bei der FDP, dass Wirtschaftskompetenz offenbar kaum Wählerreflexe auslöst. So blieben Leute wie Tobias Jakob (Präsident Stadt- und Gewerbevereinigung) oder Christian Herzog (KMU-Geschäftsführer) genauso im Mittelfeld wie bei der CVP der recht bekannte Attisholz-Entwickler Lothar Kind. Dafür könnten die Ärzte Reiner Bernath (bisher SP), Näder Helmy (neu SP) und Jean-Pierre Barras (neu parteilos) im Ratssaal schon fast eine überparteiliche Gruppenpraxis gründen.

Auffällig war, wie eher schlecht oder gar nicht mehr altgediente Partei-Cracks gewählt wurden: Nach langer Ratspause misslangen Comeback-Versuche der beiden SP-Granden Peter Fäh und Klaus Koschmann kläglich – letzterem wurde wohl sein Versuch, die Stadtpolizei abzuschaffen, zum Verhängnis. Deutlich abgerutscht, wenn auch noch im Rat sind Beat Käch (FDP) und Marguerite Misteli (Grüne), während Bürgergemeindepräsident Sergio Wyniger trotz drei CVP-Vakanzen auf der Ersatzbank sitzen blieb.

Frauen sind gefragt

Er wurde ein eigentliches Damenopfer, denn neu landete die 39-jährige Musikerin Franziska Baschung für die CVP einen Coup. Aber auch andere Parteien brachten frische Frauengesichter in die nur knappe weibliche Ratsminderheit: Moira Walter und Corinne Widmer bei der SP, Laura Gantenbein bei den Grünen und sogar der dünn aufgestellten SVP gelang dies mit Marianne Wyss.

Und da hapert es bei der FDP: Nur fünf Frauen auf einer 25er-Liste, auch wenn davon zwei gewählt worden sind, ist heute zu wenig. Was auch für die CVP gilt. Denn über 50 Prozent der Stimmberechtigten sind Frauen. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Der Raub der Sabinerinnen liegt schon 2500 Jahre zurück. Die Grünen und die SP dagegen finden immer wieder kompetente Kandidatinnen.