Solothurn

Fliegenpilze schweben über dem Solothurner Landhausquai

Der Nachtschatten-Verlag feiert sein 30-Jahre-Jubiläum mit einem zweitägigen Rahmenprogramm mit Referaten, Konzerten, Ausstellungen und der Möglichkeit für Begegnung.

Sie nennen sich Psychonauten. Und sie sind aus aller Welt in das Solothurn gepilgert, das sie vor allem mit zwei Namen assoziieren: Nachtschatten-Verlag und Roger Liggenstorfer, dessen Inhaber. Doch womit beschäftigt sich die Psychonautik, die auch in Liggenstorfers Verlag zentral ist? Der aus Deutschland angereiste Biologe Michael Ganslmeier sinniert: «Psychonauten sind wie Seeleute, die ihre Seele, ihre inneren Räume bereisen.»

Was zunächst nach New-Age-Esoterik und Neo-Hippietum klingt, gehe aber auf eine Ära vor dem ersten von Menschenhand gebauten Haus zurück. Es war der Schamanismus, der sich pflanzlicher Hilfsmittel bediente, um diese innere Reise anzutreten. Und was im christlichen Europa zum Erliegen kam, wurde vor 150 Jahren wieder neu entdeckt, wie Ganslmeier weiss. «Nur heute ist zu den schamanischen Techniken wie Trommel und Lagerfeuer noch der Beamer hinzugekommen.» Der pflanzliche «Türöffner» in die andere Welt ist aber zentral geblieben.

Durchmischtes Publikum

Über dem Landhausquai fliegen Pilze – was sich aber nicht erst nach der Einnahme pflanzlicher Hilfsmittel offenbart, sondern auch im nüchternen Zustand. Der Fliegenpilz hängt als Deko und Logo des Nachtschatten-Jubiläums über angeregt diskutierenden Psychonauten-Grüppchen, die auf den nächsten Vortrag oder Workshop warten. Menschen von Jung bis Alt, in Alltagskleidern oder Batik. Eine Durchmischung, die es kaum zulässt, von einem einzigen Typ «Psychonaut» zu sprechen.

Allgegenwärtig am Landhausquai ist nur eines: Ein bekannter, süsslicher und «inoffizieller» Geruch, der sich vom sonst präsenten Curry-Duft des Essensstands kaum überdecken lässt.

«Die Gesellschaft hat einen problembehafteten Umgang mit Drogen», so Ganslmeier, der eine klare Grenze zwischen «verschliessenden Drogen» wie Alkohol oder Opiaten und «öffnenden Drogen» zieht, um die es hier geht. Cannabis, LSD, Psylocybin-Pilze seien Substanzen, die das Bewusstsein erweitern, das Herz öffnen, Liebe spüren lassen und die Einheit mit sich selbst, seinem Nächsten, der Umwelt und letztlich mit Gott spüren lassen.

«Ich bin clean», schickt eine deutsche Sozialpädagogin aus Kassel voraus, bevor sie weiter erklärt, was sie an diesem Anlass findet und empfindet: «Es ist spannend, hier zu sein», sagt sie professionell interessiert, und: «Ich arbeite in einer Drogenhilfe und sehe bei der Klientel im Bereich Beschaffungsprostitution häufig, wie dreckiger Stoff im Umlauf ist.» Auch für sie gilt: Droge ist nicht gleich Droge.

Ines Schäfer macht sich als Verlagsvertreterin in Deutschland stark für den Nachtschatten-Verlag: «Doch es gibt noch viel zu tun. Gerade Mainstream-Buchläden tun sich schwer mit unserer Literatur.» Dabei gehe es immer vor allem ums Aufklären: «Nicht die Drogen sind das Problem, sondern das Unwissen.» So ist denn Drogenmündigkeit das grosse Credo, das sich Symposiums-Meister und Absinthe-Bar-Besitzer Liggenstorfer auf die Fahne geschrieben hat.

Dieser zeigt sich schon am ersten Anlasstag zufrieden über die Resonanz. Er schätzt, dass rund die Hälfte der Besucher aus dem Ausland angereist ist. Nicht zu denen gehört der junge Mann, der sich als Stammgast der Absinthe-Bar bekennt. Er betrachtet den Anlass auch aus politischer Warte: «Das grosse Thema ist derzeit die Freigabe von Cannabis. Und doch war dessen Akzeptanz früher höher.» Solothurn selbst hat der vor sieben Jahre zugezogene Österreicher aber immer als offen erlebt. Er ergänzt grinsend: «...was man schon bemerkt, wenn man am Aaremüürli die Nase in den Wind hält.»

Ein grünes Heiligtum

Die Pflanze – sie ist als Lieferant jedem Psychonauten heilig. Sie kann aber auch einfach Zierde sein, wie bei Jörg Oberholzer, der in Toggenburg eine Kaktusgärtnerei betreibt und mit einem Verkaufsstand mit Kakteen präsent ist. «Als Zierpflanzen stellen sie eine symbolische Verbindung zur schamanischen Kultur her.» Darüber hinaus ist die Pflanze mehr als Deko oder Substanzlieferant.

Ralf Güthe und Jörg Happe stellen in Berlin Kräuterelixiere her und schätzen in Solothurn den Austausch mit Gleichgesinnten. «Die Heilkraft geht nicht nur von der isolierten Substanz einer Pflanze aus, sondern von ihrem ganzen Wesen», erklärt Happe. Für die beiden ist zudem klar: Es gibt viele Graustufen zwischen vitalisierend, aphrodisierend und psychoaktiv – und damit auch viele Stufen zwischen Akzeptanz, gesellschaftlicher Ächtung und Illegalität. «Früher galt sogar auf Tabak- und Kaffeekonsum die Todesstrafe», wirft ein Besucher ein und zeigt die Vergänglichkeit des Richtigen und Wünschbaren, während der Schamanismus bis heute Bestand hat.

Als Referent Wolf-Dieter Schorl auftaucht, schart sich bald eine beachtliche Menschentraube um den bärtigen rasta-tragenden Ethnobiologen. Schon lange ist seine Kräuterwanderung durch Solothurn ausgebucht, spontan und uneingeladen geselligen sich neugierige Passanten hinzu. Nach wenigen Schritten zieht Schorl stolz ein erstes Kraut unter einem Pflasterstein hervor und hält es in die Höhe. Plötzlich offenbaren die Pflänzchen – psychoaktiv oder nicht – sogar für unangemeldete Passanten ihre berauschende Wirkung.

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