Wer den seltsamen Menschen zuschaute, die sich im Schänzliquartier und beim Baseltor mit Lupen über Mauern beugten oder an Bäumen hochschauten, der dachte nicht an Flechten, jene Überlebenskünstler, die oft nur Ärger verursachen.

Weit über hundert verschiedene Flechtenarten besiedeln in der Stadt Solothurn Mauern, Dächer und Bäume. Allein ein Ahorn kann bis zu acht verschiedenen Flechtenarten Lebensraum bieten. Meist gehen wir an ihnen achtlos vorbei oder denken darüber nach, wie wir sie bekämpfen können.

Ganz anders Christoph Scheidegger von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Zusammen mit der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Solothurn lud er zu einem Abendspaziergang, der für über 70 Teilnehmende zu einem Erlebnisparcours wurde.

Auf die Lupe kommt es an

Das Ziel der Exkursion war, die faszinierende, besonders an luftfeuchten und schattigen Standorten vorkommende Kulturpflanze kennenzulernen. «Flechten gehören nach einigen Jahren zu jedem Quartier», ermunterte Scheidegger die Naturliebhaber, auf die Suche zu gehen nach den am Anfang der Nahrungskette stehenden Farbtupfer, deren Schönheit und Vielfalt sich meist erst hinter einer Lupe offenbart.

Das scheintote Wesen

Was nach den Worten des Naturschutzbiologen auf den ersten Blick als Kruste oder Sträuchlein aussieht, entpuppt sich unter dem Mikroskop als Pilz, welcher dauerhaft mit einer Alge in Symbiose zusammenlebt. Der Pilz versorgt die Alge mit Wasser und mineralischen Nährstoffen und schützt diese mit einer Vielzahl von oft farbigen Flechtenstoffen vor Fressfeinden.

Im Gegenzug liefert die Alge ihrem Pilzpartner zuckerähnliche Nahrung über die Photosynthese. «Flechten nehmen bei nasser Witterung viel Wasser auf, bei trockenem Wetter können sie dagegen in einem scheintoten Zustand über Monate und Jahre weiterleben», so Scheidegger.

Vogelkot als Transportmittel

Flechten breiten sich nur aus, um sich zu schützen. Zu diesem Zweck und oft auch, um dem Licht zu entrinnen, verziehen sie sich gerne auch in das Innere eines Gemäuers, wo sie dann nicht selten Schnecken zum Opfer fallen, die am Stein raffeln, bis sie zum gedeckten Tisch vorgedrungen sind.

Die Konkurrenz sei gross, konkretisierte Scheidegger. «Es geht einiges ab auf ein paar Quadratzentimetern.» Für die Verbreitung kommen aber auch Vögel infrage, die die Flechten durch ihre Füsse oder ihren Kot weitertragen.

Flechten stehen für saubere Luft

Flechten sind gute Indikatoren für die Umweltverschmutzung, meinte Scheidegger weiter. «Wenn wir feststellen, dass sich die Flechten in den Städten wohlfühlen, heisst das, dass die Luftverschmutzung abgenommen hat.» Denn klar sei: Jeder schädliche Einfluss auf einen der Partner kann zu Entwicklungsstörungen oder gar zum Absterben der Symbiose des Pilzes mit der Alge führen.