Das 21. Jahrhundert gehört ihnen: den digitalen Weltenbürgern und Globetrottern, den Arbeitsnomaden, den Start-ups, den Vernetzten und den Kreativen. Ihr Arbeitsplatz: heute hier, morgen dort. Denn Laptop und Handy reisen stets mit, und der Schreibtischinhalt befindet sich längst in der digitalen «Wolke». «Co-Working» nennt sich die Form des Arbeitens, bei dem mehrere eigenständige Einzelfirmen das Teilen als Erfolgsfaktor nutzen und als täglichen Arbeitsgrundsatz leben.

Geteilt werden die Räumlichkeiten, der Drucker, der Internetzugang, der Stromanschluss, die Kaffeemaschine, das Sitzungszimmer. Geteilt werden aber auch Ideen, die tägliche Portion Elan, zum Teil aber auch Kundenaufträge. Und bei aller Eigenständigkeit: Da man gemeinsame fachliche Horizonte teilt, geht «Co-Working» trotzdem weit über das hinaus, was als «Bürogemeinschaft» bekannt ist.

Nun stösst das Phänomen, das in den Metropolen von New York über Berlin bis Zürich längst Fuss gefasst hat, in neue Gebiete vor – beispielsweise nach Solothurn. Auf Anfang 2015 wird es in der ehemaligen «Loreto»-Schraubenfabrik an der Florastrasse unter Trägerschaft des Vereins «Coworking Loreto» auf 250 Quadratmetern heimisch werden. Im Januar 2015 werden hier zehn Einzelarbeitsplätze eingerichtet sein. Das Angebot ist das erste seiner Art im ganzen Kanton.

Die «Arbeits-WG» wächst heran

Was die Macher hinter der Idee anbieten, leben sie auch gleich selber vor. Initiant ist Andreas Renggli, der vor zweieinhalb Jahren mit seiner Kommunikationsagentur Polarstern GmbH nach Luzern auch in Solothurn Fuss fasste und hier an seinem bisherigen Arbeitsplatz den Austausch mit anderen Fachpartnern misste. Jörg Bruppacher stieg als Co-Leiter mit ins Boot: Da dessen Vater ab Ende 2014 beim gemeinsamen Unternehmen Bruppacher & Partner AG in den Hintergrund tritt, werden Räumlichkeiten frei. «Diese sind zu gross für mich allein. Ausserdem schätze ich den beruflichen Austausch und das Gespräch.» Damit war die «Arbeits-WG» bereits auf zwei Bewohner angewachsen. Als Dritter wirkt Rafael Waber bei «Coworking Space» mit.

Aktuell sind bereits fünf der zehn Plätze vergeben – mitunter für die «Authentica»-Ausstellung –, für zwei bis drei weitere wären Fixmieter wünschenswert. Der Rest wäre dann für Temporärmieter vorgesehen. Vorstellbar sind auch «Co-Worker», die den Arbeitsplatz nur an bestimmten Wochentagen nutzen. In grösseren Städten wie Zürich lassen sich bereits schon heute Arbeitsplätze tage-, wenn nicht stundenweise mieten. Statt im «Starbucks» oder in der Bibliothek wird der Laptop dann an einem solchen Standort aufgeklappt, schildert Renggli. Aus Solothurner Sicht scheint aber vorerst kaum Bedarf von «Instant-Arbeitsplätzen» zu bestehen, die man nach dem Feierabend wieder definitiv räumen muss.

Das Konzept lebt vom Austausch

Wie in einer herkömmlichen Wohngemeinschaft steht auch fürs «Coworker»-Team aus Solothurn eine gemeinsam geteilte fachliche Schnittmenge der «Mitbewohner» im Vordergrund. «Wir möchten eine thematische Konzentration, sodass ein Austausch zustande kommt – im informellen Gespräch oder in Form von gemeinsam organisierten Workshops und anderen Anlässen», sinniert Renggli weiter. Gleichzeitig empfände er aber auch einen differenzierten Mix an Kompetenzen als interessant. So erhalte ein Kunde auf kurzen Wegen alles, was er braucht. Die Unternehmen sollen für einzelne Aufträge zur Zusammenarbeit ermutigt werden. Permanent bindend sollen diese Kooperationen aber nicht sein.

Eine gemeinsame Schnittmenge will man auch punkto Weltanschauung schaffen. Wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit steht bei «Coworking Loreto» als Betriebsphilosophie im Vordergrund –  aber nicht dogmatisch: «Niemand muss hier die Hand auf die Bibel legen. Und wir betreiben auch keinen Ökotempel, von dem aus man die Welt retten kann.» Dennoch will man in kleinen Schritten auf einen besseren ökologischen Fussabdruck hinarbeiten – gerade durch gemeinsam geteilte Ressourcen. Wie Bruppacher weiss, sind auf diese Weise andernorts aus gelegentlichen Gemeinschaftsprojekten oft auch neue Firmen entstanden – durchs Kennenlernen, durch Kooperation und durch Kaffeepausen.

«Keine Discount-Arbeitsplätze»

Natürlich hofft man neben den ökologischen auch auf die ökonomischen Vorzüge für die «Co-Worker»: «Die Kosten multiplizieren sich nicht einfach mit jedem neuen Mitstreiter. Man zahlt hier, was man braucht.» Und hat doch mehr als das: Gerade Start-ups frischgebackener Selbstständiger lernen oft im privaten Umfeld – im sogenannten «Home Office» – das Laufen. Doch mit wachsender Auftragslage wachsen gewöhnlich auch der Platzbedarf und der Anspruch, dem Kunden stattdessen eine professionelle und repräsentative Empfangsatmosphäre zu bieten. «Dies ist hier in der ehemaligen Schraubenfabrik – einem Liebhaberobjekt – gut möglich», sagt Bruppacher. Deshalb sei das «Loreto» letztlich auch kein Ort mit zusammengepferchten «Discount-Arbeitsplätzen», sondern soll vielmehr durch Qualität überzeugen.