Solothurner Filmtage
Filmtage-Gründer Stephan Portmann – aus der Sicht von Ivo Kummer

Filmtagegründer Stephan Portmann ist vor 15 Jahren verstorben. Wer war eigentlich dieser Mann, dessen Geist noch immer über den Filmtagen zu schweben scheint? Ivo Kummer erinnert sich an ihn.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Stephan Portmann, wie man ihn noch in Erinnerung hat: Mit langer Mähne, rauchend und mit kritischem Blick. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1975.

Stephan Portmann, wie man ihn noch in Erinnerung hat: Mit langer Mähne, rauchend und mit kritischem Blick. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1975.

Ivo Kummer, erinnern Sie sich noch an die erste Begegnung mit Stephan Portmann?

Ivo Kummer: Ja, klar. Das war Anfang der Achtzigerjahre. Portmann war Dozent an der Uni Fribourg, wo ich unter anderem Journalismus studierte. Ich belegte ein fünftägiges Seminar mit ihm, ausserhalb der Universität. Für mich als ehemaligen Stiftsschüler war das der Eintritt in eine völlig neue Welt. Ein Dozent, der nicht doziert, sondern mit seinen Studenten diskutiert.

Ivo Kummer, heute Leiter der Sektion Film im Bundesamt für Kultur

Ivo Kummer, heute Leiter der Sektion Film im Bundesamt für Kultur

Hanspeter Baertschi

Aus welchem Milieu stammte Stephan Portmann?

Soweit ich weiss aus einem sehr bürgerlichen. Er war zunächst Bezirksschullehrer im Bucheggberg und stammte aus einem katholischen Haus. Doch schon früh erregte er Aufsehen, als er beispielsweise mit einem «Reportermantel» am Sonntag die Elf-Uhr-Messe besuchte. So etwas machte damals ein Lehrer nicht. Zusammen mit Freunden war er dann in der SP Bucheggberg aktiv.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Portmann an den Solothurner Filmtagen?

Ich wohnte damals in Derendingen und war als Journalist für die Solothurner AZ tätig. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Solothurner Filmtage übernahm ich die Arbeit der Jubiläumspublikationen. So habe ich natürlich auch die Geschichte der Filmtage kennen gelernt. Portmann fragte mich dann, ob ich Pressesprecher werden wolle.

Was war Stephan Portmann für ein Mensch? Können Sie ihn charakterlich beschreiben?

Er war ein sehr politischer Mensch. Er war streng, aber auch grosszügig und grossherzig. Er konnte ungeduldig und äusserst aufbrausend sein. Vor allem erinnere ich mich an die Vorvisionierungen zu den Filmtagen. Da ging es immer hoch her. Portmann konnte sich furchtbar über einen schlechten Film aufregen, sich hingegen aber auch extrem enthusiastisch über einen gelungenen Filmschnitt freuen. Er war eine starke Führerpersönlichkeit, dem es auch mal passierte, dass er jemanden ziemlich verletzen konnte. Es gab immer mal wieder Auseinandersetzungen.

Waren Sie immer einer Meinung?

Natürlich nicht. Als in den Achtzigerjahren Filme auf Video immer mehr wurden, wollte ich, dass dies auch im Filmtage-Programm erscheint. Portmann hat das zunächst strikt abgelehnt. «Wir machen Filmtage, keine Videotage», sagte er damals. Das war ein erster handfester Konflikt. Er war modernen Film-Strömungen gegenüber eher konservativ eingestellt.

Das überrascht. Hatte er doch damals einen Ruf als «Bürgerschreck». Was war ihm eigentlich am Film wichtig.

Filme sollten aus seiner Sicht eine gewisse gesellschaftliche Relevanz beinhalten. Sie sollten Seismographen der Gesellschaft sein, reale Probleme ansprechen oder historische Aufarbeitung vorantreiben. Sie sollten Stellung für die Schwachen der Gesellschaft beziehen, eine fast anwaltschaftliche Funktion ausüben.

Portmann war mit dieser Haltung und diesem Anspruch ja sicher nicht allein damals. Wer waren seine Wegbegleiter?

Er hat auch im Schweizer Fernsehen damals Gleichgesinnte gefunden. Dort hat er ja auch als Berater und Film-Moderator gearbeitet. Felix Karrer kann da genannt werden, oder der junge Paul Riniker und viele andere.

Wie lief denn eigentlich die Stabübergabe an Sie 1987? Ein schwieriger Prozess?

Wir hatten uns schon vor diesem Jahr von aussen beraten lassen, wie die künftige Übergabe zu organisieren sei. Portmann hat gemerkt, dass die neue Generation nachrückt und nachdrängt, und er hat sich nicht dagegen gewehrt. Das war ihm hoch anzurechnen. Er wusste, dass er mit seiner starken Persönlichkeit auch manche andere Figur verdrängte. Es ging dann darum, den Filmtagen eine neue, professionellere Struktur zu geben und sie zu öffnen. Zum Beispiel gegenüber einem Sponsoring, denn wir benötigten mehr finanzielle Mittel. Sponsoring wäre unter Portmann undenkbar gewesen.

Wie verlief die Startphase für Sie? Mischte sich Portmann noch ein?

Nein, da war er sehr konsequent. Er hat sich dann auch gleich um das Filmprojekt seiner Frau Gertrud Pinkus, «Anna Göldin – letzte Hexe», gekümmert. Natürlich war er als Besucher wieder in Solothurn. Ich hatte zunächst noch die Funktion des «Pressesprechers» inne. Kurze Zeit später wurde ich Leiter, und noch später brauchte es einen «Direktor», so wie ihn andere Filmfestivals auch haben. Portmann selbst war immer «Vorsitzender der Geschäftsleitung».

Was ist Ihre letzte Erinnerung an Portmann an den Filmtagen?

Er war anlässlich der dreissigsten Ausgabe hier und hat eine Diskussion über die Anfänge und die Geschichte der Filmtage geführt. Durch seine verschiedenen Arbeiten, unter anderem auch im Fernsehen, war er auch dem damaligen Publikum immer noch bekannt.

Wenn man die Solothurner Filmtage heute betrachtet: Was meinen Sie? Würde es Stephan Portmann hier noch gefallen?

Ich denke schon. Ich erinnere an die Wegbegleiter von Portmann, zum Beispiel Charlie Leippert, der die Entwicklung noch lange miterleben konnte: Leippert hat es bis zum Schluss Spass gemacht, mitzuarbeiten. Ich glaube, auch Portmann hätte seine Freude an den heutigen Filmtagen. Seine Pionierarbeit ist logisch konsequent weitergewachsen. Allerdings glaube ich, dass er nie damit gerechnet hätte, dass die Filmtage 50 Jahre alt werden würden.

Portmann wäre sicher auch stolz auf Sie, seinen Nachfolger, der es zum obersten «Filmförderer» des Landes brachte?

Ja, das kann sein. Er war immer stolz auf seine «Schützlinge». Beispielsweise auch auf Dok-Filmer Christian Frei.