Filmtage Solothurn
Filmstudenten überzeugen mit ihrem Kurzfilm zum Thema Freitod

Die Studenten Dennis Stauffer und Pascal Reinmann schufen einen Kurzfilm über Freitod. «Stillstand» nennt sich der Film und nähert sich dem Thema taktvoll und ohne nach Aufmerksamkeit zu heischen.

Andreas Kaufmann
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Dennis Stauffer (l.) und Pascal Reinmann unterlegten die Geschichte über David mit Bildern seines früheren Arbeitsortes: Borregaard.

Dennis Stauffer (l.) und Pascal Reinmann unterlegten die Geschichte über David mit Bildern seines früheren Arbeitsortes: Borregaard.

Andreas Kaufmann

Ein rostiger Ventilator dreht sich - angetrieben einzig durch den Wind, der durch die verlassenen Gänge zieht. Nur im Zeitraffer sieht man die Schatten über den staubigen Boden einer Fabrikhalle wandern.

Schneeflocken fallen auf den rissigen Asphalt und bilden einen weissen Teppich. Und zerbrochene Fensterscheiben geben den Blick frei auf die Aare, die wenige Meter nebendran gemächlich vorbeifliesst.

Sonst aber steht auf dem Borregaard-Areal im Attisholz alles still. «Stillstand» nennt sich auch der Kurzfilm von Pascal Reinmann (24) aus Wangen a/A und Zürich sowie Dennis Stauffer (23) aus Solothurn.

Beide sind Studenten an der Zürcher Hochschule der Künste. Die angehenden Filmschaffenden haben anlässlich der «Upcoming Talents»-Reihe der Filmtage einen 16-minütigen Film eingereicht, der dokumentiert, wie die Welt im Grossen aber vor allem im persönlichen Kleinen plötzlich stillsteht.

Das Gelände der Zellulosefabrik bildet die Kulisse im Grossen. Und zwei von Reinmann und Stauffer interviewte Männer erzählen die Geschichte ihres Skateboard-Freundes David, um den es eigentlich geht.

Ein mutiger Entscheid

Der Drehort ist denn auch der Ort, an dem David seine allerletzte Entscheidung traf. Zwei Jahre, nachdem der junge Mann seine Lehre bei der Zellulosefabrik abgeschlossen und den Betrieb bereits verlassen hatte, kehrte er zur nun stillgelegten Fabrik zurück, um dort seinem Leben ein Ende zu setzen.

«Ich kannte David vom Skateboarden», so Reinmann. «Und nachdem es passiert war, wurde es immer klarer, dass wir einen Film über ihn machen wollen.» Nach einer Besichtigung des Areals waren sich dann beide darüber einig, dass sich hier Davids Geschichte erzählen lässt.

Szenen aus dem Kurzfilm Stillstand
5 Bilder
Gedreht wurde auf dem verlassenen Areal der Borregaard
Pascal Reinmann und Dennis Stauffer haben den 16-minütigen Film anlässlich der «Upcoming Talents»-Reihe der Filmtage eingereicht.
Der Film dokumentiert, wie die Welt im Grossen aber vor allem im persönlichen Kleinen plötzlich stillsteht.

Szenen aus dem Kurzfilm Stillstand

www.zoomion.ch

«Einen Dokumentarfilm über den Freitod zu drehen ist ein mutiger Entscheid», war eine der Reaktionen, die die beiden auf ihr Vorhaben erhielten. Und tatsächlich gehen sie mutig ans Werk: Das Resultat wirkt taktvoll, hält sich mit Details dezent zurück, heischt nicht Aufmerksamkeit, klagt nicht an.

Es sind die schönen Erinnerungen, mit denen seine beiden interviewten Skaterfreunde den Anfang machen, Aufzeichnungen über einen motivierten und geselligen jungen Mann, einen Kumpel, an den man sich gerne erinnert. Aber auch ein Mensch mit einer nachdenklichen Seite, der an seinem letzten Abend nicht aufhören wollte, mit Freunden Fussball zu spielen. Die Dokumentation endet schliesslich mit Davids Sprung in den Tod.

Aber sie lässt trotz des hinterlassenen Abschiedsbriefes die grosse Frage nach dem «Wieso?» offen. «Für mich war es schon eine treibende Frage, die am Anfang unserer Arbeit stand», sagt Dennis Stauffer.

Und doch beantwortet der Film sie nicht, erzählt dafür eine universelle Geschichte: «Der Film spricht auch jene Leute an, die David nicht persönlich kannten. Und wer den Film sieht, wird sich seine eigene Geschichte dazu aufbauen können», sagt Reinmann.

So habe man bewusst darauf verzichtet, den Abschiedsbrief im Film vorzulesen, oder den Verstorbenen im Bild zu zeigen. Insgesamt sei es wichtig gewesen, den Respekt vor David nicht zu verlieren.

Über die Interviews gelegt sind dafür die Bilder des verlassenen Industrieareals, auf dem Reinmann und Stauffer drei Tage lang gefilmt haben: «Wir haben dort praktisch jede Türe geöffnet, um zu schauen, was sich an Filmbarem dahinter verbirgt», sagt Stauffer. Zustande gekommen ist ein Kurzfilm mit wenig bewegten, aber umso bewegenden Bildern.

Persönliche Verarbeitung

«Für uns war es eine Verarbeitung des Geschehenen», so Reinmann zur vertieften filmischen Auseinandersetzung mit dem Ort, an dem es geschah. «Hier hat er gearbeitet, hier ist er durchgegangen, hier hat er seine Jacke aufgehängt und seinen Helm hingelegt.»

Und für die beiden Skaterfreunde sei das Interview sogar die erste Möglichkeit gewesen, über das Vorgefallene zu sprechen. Die Geschichte von David könnte auch über sein persönliches Umfeld hinaus seine Wirkung erzielen. «Wir haben den Film den Organisatoren verschiedener Filmfestivals zukommen lassen», sagt Dennis Stauffer.