Altstadtbrand
Feuerwehrkommandant: «Was ist los mit der Zivilcourage?»

Feuerwehrkommandant Martin Allemann zu den neusten Erkenntnissen zum 29. März. Laut polizeilichen Ermittlungen wurde der schwelende Brand in der Altstadt am 29. März 35 Minuten lang beobachtet, ohne dass jemand die Feuerwehr rief.

Andreas Kaufmann
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«Wir müssen die Feuer oft aus der Nähe bekämpfen statt von der Aussenfassade», sagt Feuerwehrkommandant Martin Allemann.

«Wir müssen die Feuer oft aus der Nähe bekämpfen statt von der Aussenfassade», sagt Feuerwehrkommandant Martin Allemann.

Andreas Kaufmann

Martin Allemann, was ist eigentlich mit der Zivilcourage der Leute los?

Martin Allemann: Wahrscheinlich ist die Gesellschaft heute so beschaffen, dass jeder meint, der andere tue was und alarmiere die Feuerwehr. Jeder will sich offenbar der Verantwortung entziehen und ja nichts gesagt haben, nur damit er dann nicht die Schuld für irgendwas tragen muss. Oder dann ist man möglicherweise derart damit absorbiert, den Brand zu beobachten, dass man vergisst, die Feuerwehr oder die Polizei zu alarmieren.

Und welche Erklärung davon trifft Ihrer Meinung nach zu?

Offenbar haben über 50 Leute das Feuer vorab beobachtet, also müssen wir fast von 50 unterschiedlichen Meinungen und Ansichten zum Vorfall ausgehen. Ich frage mich allerdings selbst, was am ehesten zutrifft.

Wie hätten sich denn die Passanten vor Ort korrekt verhalten müssen?

Dass es gebrannt hat, was ja eindeutig klar. In diesem Fall sollte man die Nummer 118 wählen. Falls bereits jemand anders über den Brandfall informiert hat, erfährt man das bei der Alarmzentrale dann schon.

Offenbar dachten einige Beobachter, bei der Alarmzentrale anzurufen sei kontraproduktiv, da man nur unnötig die Leitung blockiere.

Technisch betrachtet kann das ganze Netz nicht einfach zusammenbrechen. Das wäre sonst bei früheren, grösseren Ereignissen ebenfalls passiert. Und personell gesehen ist die Alarmzentrale ebenfalls kaum überfordert: So arbeiten immer mindestens drei Personen dort, die Telefone abnehmen. Es kann lediglich vorkommen, dass die Leitung besetzt ist.

Was hätte man mit dem verlorenen Vorsprung von 35 Minuten alles verhindern können?

Das kann ich nur vage einschätzen: Wahrscheinlich wäre es beim Brand des Dachstockes von Hauptgasse 54 geblieben. Doch in den 35 Minuten konnten sich die entstehenden Brandgase explosionsartig ausweiten und neues Feuer entfachen.

Von aussen hatte es laut Augenzeugen den Anschein, als würde lange gar nichts zur Löschung des Brandes unternommen. Was sagen Sie heute zu diesen Vorwürfen?

Dass wir im Falle eines Brandes nicht einfach draussen stehen und die Fassade nass spritzen. Wir müssen die Feuer an der Wurzel – aus der Nähe – bekämpfen. Dazu dringen wir via Treppenhaus zum Brandherd vor. Das nennt sich Innenangriff, bei dem wir darauf Acht geben, den Wasserschaden minim zu halten. Und wo man von innen keinen Zugriff hat, löscht man von aussen gezielt mit der Leiter.

Und genau draussen hagelte es eben aus den Reihen der Schaulustigen Kritik auf die Einsatzkräfte. Wie geht man mit der Kritik um?

Ich kann damit sehr gut umgehen. Und wenn man die Vorgehensweise der Feuerwehr erklärt, so wie ich das eben getan habe, dann verstehen es die meisten Leute. Aber natürlich gibt es immer «Fachberater» und Besserwisser. Doch wie es besser gegangen wäre, wissen auch diese meistens erst im Nachhinein. Und wir selbst sind letztlich vor allem froh über die gute – und unfallfreie – Zusammenarbeit der drei Feuerwehren.

Standen Ihnen die Gaffer im Weg?

Es ist wohl heikel, von Gaffern zu sprechen. Wenn die Leute an etwas interessiert sind, dann ist das ja nicht grundsätzlich negativ. Diese zeigen dann oftmals auch eine Wertschätzung gegenüber unserer Arbeit. Aber tatsächlich standen uns einige Schaulustige im Weg – trotz Blaulicht und guter Absperrung durch die Polizei.

Welche Lehren ziehen Sie für ihre Mannschaft aus dem Ereignis?

Nicht dass an unserem Einsatz etwas zu bemängeln wäre, im Gegenteil. Aber eine gute Grundausbildung der Feuerwehrkräfte ist äusserst wichtig. Denn gerade an Grossbränden wie diesem zeigt sich, was sich bewährt.