Dächer von Solothurn

Feuerwehr-Kommandant: «Kleine Häuser zünden grosse an»

Für den Kommandanten der Solothurner Feuerwehr Martin Allemann sind die kleinen Häuser in der Altstadt oft Sorgenkinder. Deshalb gilt die Strategie: Erst einmal benachbarte Häuser schützen.

«Die Kamine sollten eine bestimmte Höhe haben. Damit Glut – beispielsweise aus einem Cheminée – nicht gleich aufs Dach fällt. Das blecherne dort ist an sich zu niedrig.» Auf der St.-Ursen-Terrasse lässt sich das Dächermeer von Solothurn bestens überschauen.

Feuerwehrkommandant Martin Allemann entdeckt zwei offene Dachfenster: «Immerhin könnten sich Bewohner dort bemerkbar machen, wenn ihnen der Weg unten durch ein Feuer abgeschnitten wird. Aber flüchten würde schwierig. Das Dach ist zu steil.» Bei einem Brand wäre es allerdings sinnvoll, Fenster und Türen zu schliessen. «Damit die Dachuntersicht nicht Feuer fängt.» 

Hingegen ist ein Loch im Dach bei einem darunter befindlichen Feuerherd wichtig – notfalls schlägt die Feuerwehr eins hinein. Damit die Brandgase entweichen können und es nicht zum gefürchteten «Flash-over», der Durchzündung der Gase kommt. «Das ist damals beim Brand in der Hauptgasse passiert.»

Ein heisser Tag

Der 29. März 2011. Ein sonniger Nachmittag in der belebten Altstadt von Solothurn. Irgendwann kommt die Feuerwehr, obwohl schon lange Rauch über dem Märetplatz steht. «Wir wurden über ein halbe Stunde lang nicht alarmiert», erinnert sich der bald 61-jährige Kommandant noch immer kopfschüttelnd. Es sollte Martin Allemanns grösste Herausforderung werden, seit er das Kommando 2004 von Vorgänger Peter Hänsli übernommen hatte. Im «Roten Turm» habe Panik geherrscht, dass das Feuer in den Dachstöcken zwischen der Jesuitenkirche und dem Zytgloggeturm auf den Hotelkomplex übergreifen könne. «Wir hatten damals auch Glück, vor allem mit dem Wind.»

Denn in den verwinkelten Dachgeschossen sei die Brandbekämpfung schwierig. Zuerst stelle sich immer die Frage: «Sind alle Leute draussen?» Einsame Menschen, die in einer Dachmansarde leben und von Nachbarn kaum wahrgenommen werden, sind bei solchen Bränden besonders gefährdet. Dann geht es darum, das Feuer optimal zu bekämpfen, möglichst vom Gebäudeinnern her. 

Darum habe es damals haltlose Kritik gegeben, wo die Feuerwehr geblieben sei. «Fast alle unsere Schlauchleitungen befanden sich in den Häusern», betont Martin Allemann noch heute. «Wichtig ist aber auch, dass unsere Leute unter den richtigen Balken stehen. Zum Selbstschutz.» Und dann gelte es, Folgeschäden durch Rauch und Wasser zu vermeiden. «Auch dadurch, dass wir nicht mit dreckigen Stiefeln durch unversehrte Räume rennen.»

Die Tücken der Altstadt

«Kleine Häuser zünden grosse an.» Auf dieser Erkenntnis gründet eine weitere Strategie der Stützpunktfeuerwehr vor allem in der Altstadt: «Wir versuchen immer einmal zuerst, die benachbarten Häuser zu schützen», erklärt Martin Allemann. Dies gelang beim Brand der ehemaligen Handelsbank vor einigen Jahren, als der ganze Stalden Gefahr lief, ebenfalls in Flammen zu geraten.

Noch heikler war die Situation, als im April 1955 ein grosses Haus viele kleine anzuzünden drohte: das Landhaus. Es brannte nicht zuletzt lichterloh, weil es bis unter die Dachsparren vollgestopft war mit allerlei Lagermaterial des städtischen Gewerbes. Das Landhaus erhielt beim Wiederaufbau einen von aussen nicht wahrnehmbaren Dachstock aus einer reinen Betonkonstruktion. Doch das ist die Ausnahme, und deshalb ist für den Feuerwehrkommandanten ein mit brennbarem Material wie alten Zeitungen oder Kleidern vollgestopfter Estrich, kombiniert mit uralten Elektroinstallationen, ein brisanter Mix. «Oft ist ein Brandherd in einem verwinkelten Altstadthaus schwer zu entdecken.» Zum Glück verfüge man über die auf 32 Meter ausfahrbare Autodrehleiter. «So können wir von oben auf den Dächern gleich sehen, wo es dort brennt.»

Blitz und Grill

Ein gutes Mittel, um Altstadtbrände einzugrenzen, wären «Brandmauern, die über das Dach hinausragen» – doch das sei denkmalpflegerisch eine Illusion, weiss Martin Allemann. Auch das Beüben von Gebäuden sei nur bedingt ein probates Mittel, «bei einem Brandausbruch gibt es keinen Plan. Wir müssen situativ und rasch handeln.» Denn brennen kann es plötzlich aus den verschiedensten Gründen. «So machte ich mir während der Umbauarbeiten im Stadttheater ziemliche Sorgen – angesichts des Riesendachs dort.»

Unachtsame Handwerker, technische Defekte, Brandstiftung – prominentestes Beispiel ist der Brandanschlag auf St. Ursen –, aber auch Blitzeinschlag können die Ursache sein. Oft ist auch ein gewisser sorgloser Umgang auf den Solothurner Dachterrassen Auslöser für unliebsame Überraschungen: So brannte vor etlichen Jahren das Dachgeschoss eines Altstadthauses zwischen der Westringstrasse der Schmiedengasse ausgerechnet am 2. August aus.

Doch nicht unvorsichtiges Abbrennen von Feuerwerk – dem beispielsweise das Clubhaus des SC Blustavia am Nationalfeiertag zum Opfer gefallen war – sorgte diesmal für den Dachstockbrand. Martin Allemann: «Einige Leute hatten am Vorabend eine Party auf der Dachterrasse gefeiert und auf dem Blechdach gegrillt. Die Hitze verursachte unter dem Blech einen Brandherd, der sich in der Folge ausbreiten konnte.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1