Nehmen wir an, dass Everlast jedem ein Begriff sein dürfte, der zwischen 1998 und 2004 einmal Radio gehört hat. Genauso wie Everlasts frühere Band «House of Pain» jeder kennen sollte, der in den Neunzigern irgendwann einen Fuss in eine Disco gesetzt hat. Und nehmen wir weiter an, dass Erik Shrody (so Everlasts bürgerlicher Name) im kollektiven Gedächtnis fest mit einer Mischung aus Hip-Hop und Blues assoziiert ist.

Da mag es verwundern, wenn dieser Everlast im Kofmehl ganz ohne Schlagzeug und Bass, nur gerade mit einem Keyboarder als Entourage und der umgehängten Westerngitarre erscheint. Zwar heisst die aktuelle Tour ja schon «The Life Acoustic», aber braucht der Mann für seine Songs nicht ein bisschen Wums?

Mitnichten. Wenn Schrody seinen heiseren Bariton ins Mikrofon haucht, dann vibrieren die Lautsprecher heftiger als bei manch einer fünfköpfigen Rockband. Das ist schlicht beeindruckend. Oder, um es mit den Worten einer Zuschauerin zu sagen: «Der hat so eine geile Stimme.»

Die Stimmen im Kopf

Everlast hat die Halle vom ersten Ton an fest im Griff. Die Stimmung im ausverkauften «Kofmehl» könnte nicht besser sein. Die Intimität und die Einfachheit des Auftritts sorgen immer wieder für Gänsehaut - egal ob die beiden Musiker Altbewährtes wie «White Trash Beautiful» oder neuere Lieder vom Album «Songs of the Ungrateful Living» spielen: Der Sound von Everlast erzeugt stets Bilder im Kopf.

Er klingt nach einer wilden Autofahrt unter der kalifornischen Sonne, nach einer alleinerziehenden Mutter in einem Trailer Park, nach einem Junkie in einer verschneiten New Yorker Strasse. Nach dem Amerika von Edward Hopper und Tom Waits - aber ins 21. Jahrhundert übersetzt.

Beeindruckend an Everlasts einzigem Schweizer Konzert ist nicht nur die Musik, sondern auch die Bodenständigkeit, die der Sänger ausstrahlt. Er widmet den Song «Stone in my Hand» den inhaftierten Frauen von «Pussy Riot» und wirkt ehrlich dabei. Als bei der langsamen, akustischen Version des «House of Pain»-Klassikers «Jump Around» einige Zuschauer der lyrischen Aufforderung folgen, ist er sichtlich überrascht. «Ich dachte nicht, dass man zu dieser Version tatsächlich hüpfen kann», sagt er. «Ihr habt mir das Gegenteil bewiesen.»

Den Höhepunkt erreicht die Show, als Everlast auf Wunsch einer Zuschauerin «Maybe» spielt. «Ich habe Dein Schild gesehen», sagt er erst. «Ich versuche mich gerade an den Song zu erinnern.» Dann gehts los: mit viel Improvisation und kurzen Pausen, um nach den richtigen Akkorden zu suchen, aber auf ganzer Linie überzeugend. «Sorry», so der Kommentar von Shrody. «Aber ich glaube nicht, dass wir das Lied je live gespielt haben.» Das Publikum ist ausser sich. Besser kann ein Konzert wohl kaum laufen