Solothurn

«Es war ein Katz-Maus-Spiel, Woche für Woche. Abend für Abend»

Urs Bentz war bis Anfang 2012 Leiter der Sozialen Dienste in Solothurn. ww

Urs Bentz war bis Anfang 2012 Leiter der Sozialen Dienste in Solothurn. ww

Vor 20 Jahren gab es in Zürich eine offene Drogenszene, auch in Solothurn und Olten wurden harte Drogen in aller Öffentlichkeit konsumiert. Die Drogenszene überforderte das System, erinnert sich Urs Bentz, langjähriger Leiter der Sozialdienste.

Urs Bentz,* welches sind Ihre persönlichen Erinnerungen?
Urs Bentz:
Im Verhältnis zur Einwohnerzahl hatte Solothurn eine grössere Drogenszene als Zürich. Täglich rückte der Krankenwagen drei bis vier Mal aus. Die Szene überforderte alle unsere Einrichtungen. Das ganze System ist zusammengebrochen. Es blieb nur noch die Schliessung und das Wegweisen von Leuten, die nicht aus der Region waren. Wir konnten nicht für Leute aus Genf, Neuenburg oder Luzern sorgen.

Neben Zürich gab es 1992 nur noch in Solothurn und Olten eine offene Drogenszene. Was sind die Gründe für den «Sonderfall» Solothurn in der Schweizer Drogenpolitik?
Eine liberale Haltung und der Glauben, dass mit Worten politisch etwas erwirkt werden kann. Man dachte, die Gemeinden würden sich freiwillig um ihre Drogenkranken kümmern. Das funktionierte nicht. Nur indem man den Wohngemeinden ihre Personen ins Präsidium stellte, wurde die Szene aufgelöst.

Hat man mit der Auflösung der Szene zu lange gewartet?
Rückblickend vielleicht. Der politische Wille zur kompletten Schliessung musste einfach reifen. Die Situation am Letten hat mitgespielt. Als Zürich begann, die Leute zurückzuweisen, hat das den politischen Willen beflügelt. Man spürte: Jetzt ist etwas reif.

Wie haben Sie die Räumung der Szene in Erinnerung?
Es war sehr aufwändig. Es gab zwischen 200 und 300 Rückführungen. Und nur ein einziger von 300 hatte keine Unterkunft. Alle anderen hatten ein Dach. Das hat mich bestätigt, hart durchgreifen zu dürfen. Man stellte die Leute nicht einfach auf die Strasse. Aber anfangs waren sie 6-8 Stunden später wieder da. Es war ein Katz-Maus-Spiel, Woche für Woche. Abend für Abend. Für Polizei und Fahrer war es nicht einfach.

Es gab damals auch Kritik an den Rückführungen, etwa wegen der hygienischen Situation im Rückführungszentrum.
Man muss ganz nüchtern sein. Die Leute, die in der Szene lebten, hatten Krankheiten, Abszesse. Sie waren körperlich in einem sehr schlechten Zustand und tagelang in denselben Kleidern. Leute haben sich vielfach mit Aids infiziert.

Hat die späte Auflösung auch zu besonderen Massnahmen geführt? Etwa beim Schöngrün, das als erstes Gefängnis sterile Spritzen und dann Heroin abgab?
Man kann nicht eine Szene bekämpfen und auf der anderen Seite nichts machen. Die Heroinabgabe wurde deshalb forciert. Es brauchte eine rechte Übung, um das Personal anzustellen. Politisch waren die Stellen nur indirekt über den Drogenbericht abgesegnet. Wenn man die Stellen direkt über die Gemeindeversammlung bewilligt hätte, hätte dies ein politisches Desaster geben können.

Wie wichtig war privates Engagement?
Vereine waren sehr wichtig. Der Armenverein etwa war bereit, 300000 Franken für die Anlaufstelle zu bezahlen, wenn die Gemeinden ebenfalls bereit waren, zu zahlen. So war eine Finanzierung möglich.

Und Sara Martina?
Mit Schwester Sara Martina haben wir sehr gut zusammengearbeitet. Sie ist eine typische Einzelkämpferin. Nichts ist ihr zu viel oder zu schade. Sie leistet perfekte Gassenarbeit. In einem fachlich vernetzten Gebilde ist es schwierig, sie einzubinden. Mit der Spielzeugwerkstatt hat sie einen eigenen Bereich.

Vergleicht man die Situation heute mit derjenigen vor 20 Jahren. Welches waren die Meilensteine?
Vor 20 Jahren hatten wir es nicht mit Menschen zu tun. Es war nur noch unmenschlich. Auch im sozialen Dienst war man anfangs von der Heroinabgabe nicht begeistert. Nach drei Monaten wollte man sie nicht mehr missen. Süchtige mussten nicht mehr dem Stoff nachrennen. Die Kriminalität hörte auf. Schlagartig waren es wieder Menschen. Heute können Abhängige soziale Kontakte pflegen, sind zuverlässig und wohnungsfähig. Wie es vorher war, kann man sich nicht mehr vorstellen.

*Urs Bentz war 33 Jahre lang Vorsteher der sozialen Dienste der Stadt Solothurn, war Präsident der städtischen Drogenkommission und ist Vizepräsident der Perspektive.

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