Solothurner Marktfahrer
«Es ist extrem, wie sich Stadt und Markt verändert haben»

Käthy Sutters Eltern waren schon 1936 auf dem Märet, als man noch mit Ross und Wagen kam. Heute fährt sie mit dem Lieferwagen in die Stadt, um ihre erwachsenen Kinder am Marktstand zu unterstützen.

Katharina Arni-Howald
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Märet-Fahrerin Käthy Sutter mit den Töchtern Claudia Sutter (l.) und Marianne Remund (r.)

Märet-Fahrerin Käthy Sutter mit den Töchtern Claudia Sutter (l.) und Marianne Remund (r.)

Hansjörg Sahli

Zuhinterst im Riedholz, nur wenige Meter von der Gemeinde Hubersdorf entfernt, steht in einer Waldlichtung der Bauernhof der Familie Sutter. Rund 100 Hühner und 18 inzwischen kastrierte Katzen begrüssen die Besucher. Die meisten von ihnen haben sich an diesem prächtigen Sommertag irgendwo verkrochen. Von der nahen Weide hört man das Gebimmel der Mutterkühe. Auch sie werden sich bald einen Schattenplatz suchen. Die etwas andere Sicht auf den Balmberg und das Balmfluhköpfli ist von diesem schönen Flecken aus für Städter eher ungewöhnlich.

«Dort hinten», sagt Käthy Sutter, «liegt meine Gemüseplantage.» 36 Aren für das Gemüse und eine Jucharte für die Kartoffeln. Viel und harte Arbeit für die Bäuerin, die vor zwei Jahren ihren Mann verlor und den Hof kürzlich einem ihrer Söhne und dessen Familie übergeben hat. Ein Umzug ins Stöckli rückt näher.

Sträusse für ein Zwänzgerstückli

Seit sie lebt, wohnt Käthy Sutter-Remund auf dem Kellenmatthof. Als Einzelkind aufgewachsen, fuhr sie schon früh mit den Eltern auf den Solothurner Märet. «Hie und da bekam ich sogar schulfrei. Und wenn die anderen Kinder baden gingen, musste ich zu Hause helfen.» Einmal, es muss in der 6. Klasse gewesen sein, stand sie ganz alleine am Märet-Stand, weil die Mutter krank war. «Ich war wahnsinnig stolz, dass ich so viel Geld in der Tasche hatte.» Und im Winter habe sie oft so kalte Finger gehabt, dass die Mutter sagte «Lauf rasch durch den Nordmann (heute Manor), um dich aufzuwärmen.» Oft habe sie zu Hause auf dem Feld auch Blumen gepflückt und die Sträusse für 20 Rappen auf dem Märet verkauft. «Danach habe ich in der damaligen Bäckerei Zurmühle ein Brot gekauft und dazu noch ein Zwänzgerstückli.»

1950 – das waren 14 Jahre, nachdem die Eltern von Käthy Sutter zum ersten Mal auf den Markt nach Solothurn fuhren, wurden Ross und Wagen durch einen grünen Fiat ersetzt. Von da an wurde alles ein bisschen einfacher. «Wir haben einfach die Sitze entfernt, um das Gemüse und die Eier im Auto zu verstauen.» Heute fährt Käthy Sutter selbstverständlich mit einem Lieferwagen in die Stadt. «Es ist extrem, wie sich auch die Stadt und der Markt verändert haben», sinniert sie weiter. «Ich erinnere mich, wie am Samstagmorgen noch die Fuhrhalterei Wyss zwischen den Ständen hindurch fuhr und Pakete auslieferte.»

Serie: Am Märet

Jeden Samstag stehen sie bei Wind und Wetter hinter ihrem Märetstand und verkaufen ihre Produkte ab dem Hof. Manche Marktfahrer sind gleich mit zwei Generationen in der Solothurner Altstadt präsent, und manchmal hilft auch schon die dritte Generation mit. Doch die wenigsten Kundinnen und Kunden wissen genau, bei wem sie einkaufen. Wir stellen deshalb in diesen Wochen einige Marktfahrerfamilien vor, die schon seit vielen Jahren Solothurn die Treue halten. (ww)

Um 6 Uhr auf dem Märet

Heute freut sich die fünffache Mutter, dass sie drei ihrer erwachsenen Kinder am Samstagmorgen auf dem Markt unterstützen, denn nicht nur der Gemüseanbau, auch die Vorbereitungen für den Markt und der Verkauf sind harte Arbeit. Meist ist Käthy Sutter bereits um 6 Uhr in der Stadt und richtet den Stand her, denn «die ersten Kunden kommen um sieben.» Und diese vermissen die Riedholzerin, wenn sie einmal wegen eines Trachtenfestes fehlen muss. «Dann rufen einige am Montag an und fragen, ob alles in Ordnung ist.»

Die bunt zusammengewürfelte Kundschaft freut sich aber auch, wenn Käthy Sutter nach einer Winterpause im Januar und Februar im März wieder an ihrem Stand steht und nebst dem Wintergemüse auch einige Frühlingsboten anbieten kann. Doch nicht nur der sich ankündende Frühling treibt die Bäuerin aus dem Riedholz stadtwärts: «Ich bin eine Fasnachtsnärrin und kann dem Treiben in der Stadt nicht widerstehen.»

Wellness zum Ausspannen

Mittlerweile finden auch einige Hühner und Katzen den Weg zum schattigen Sitzplatz auf der Ostseite des Hofes. Die Hühner müssen im Augenblick ohne Güggel auskommen. Vor allem die jungen Hühner, die Käthy Sutter regelmässig zukauft, sind schuld an dieser Situation. «Sie haben ihn gequält, bis er starb», erzählt sie. Doch auch den Hühnern geht es hie und da an den Kragen. Vor allem wenn jemand vergisst, abends die Tür zum Hühnerstall zu schliessen.

Die Bäuerin, die ihre 60 bis 70 Eier, die pro Tag anfallen, auch ab Hof verkauft oder ihren Kunden nach Hause bringt, lacht: «Dann kommt der Fuchs, und es bleiben, oh Schreck, nur noch die Federn übrig.» Die Hühner sind es auch, die Käthy Sutter davon abhalten, für mehrere Tage in die Ferien zu fahren. Aber zum Wellnessen reicht es alleweil, und das liebt sie über alle Massen.