Florence Meyer-Dinichert schaut mahnend, mit klaren Worten korrigiert sie den Jungen im Rollstuhl. Thierry (13) steht zu nahe bei der Mittellinie. Mit dem Joystick lenkt er seinen Rollstuhl etwas nach hinten, dann stimmt der Abstand. «En garde! Prêt, allez!», ruft Meyer-Dinichert. Das Degenrasseln beginnt. Thierry tritt gegen Valerian (12) an, der sich für diesen Wettkampf auch in einen Rollstuhl gesetzt hat.

Auf Augenhöhe sein, das zählt nicht nur beim Fechten. Thierry verliert das Gefecht, wie alle anderen Partien an diesem Morgen. Das aber scheint ihn keineswegs zu stören. Mit dem Kopf deutet er auf sein Gefährt. «Wie soll ich mit diesem denn beim Fechten gewinnen», sinniert er, ohne seine Freude zu verlieren. Dafür sei er auf dem Rolli mit bis zu zwölf Stundenkilometern unterwegs, und ja: «Gfägt» habe das Fechten trotzdem.

Meyer-Dinichert, Profifechterin und Olympionikin, führt in der Turnhalle ein Dutzend Schüler des Zentrums für körper- und sinnesbehinderte Kinder (ZKSK) in die Kunst ihres Sports ein. «Die Arbeit hier unterscheidet sich kaum von ähnlichen Trainings», betont sie.

«Geflügelte Worte»

Die Worte der Fechterin entsprechen dem Grundsound dieses Tages. Wenn die Kinder am ZKSK ihren Sporttag haben, ist alles gleich. Gleich wie bei «den Anderen» eben. Keiner will verlieren, man schwitzt, ärgert und freut sich. Obwohl: «Was heisst schon normal und anders?», fragt Patrik Lischer, um «mit geflügelten Worten», wie er selbst sagt, anzufügen: «Es ist doch normal, dass Menschen verschieden sind.»

Lischer leitet am ZKSK den Bereich «Schule und Integration». Der Sporttag hier sei ein Sporttag wie an jeder Schule, sagt er. «Die meisten Schüler freuen sich auf die Abwechslung vom Alltag.» Der Unterricht, die Ergotherapie oder der Besuch bei der Logopädin mögen wichtig sein, am Sporttag bewegen die Kinder ganz andere Dinge.

Zumal es seinen besonderen Reiz hat, wenn die Schülerschaft so heterogen ist wie am ZKSK, wenn das Mädchen mit der cerebralen Behinderung auf den verhaltensauffälligen Jungen trifft. Derzeit besuchen 60 Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 18 Jahren an der Schule den Unterricht, der «ein buntes Mosaik» aus regulärer oder integrativer Förderung und Therapien sei, wie es Lischer nennt.

Fortschritt auf dem Pferderücken

Im Luterbacher Wald, ein paar Autominuten entfernt, tobt sich derweil eine Schar anderer Kinder auf einem Spielplatz aus. Kurz zuvor haben genau diese Kinder auf der nahen Weide die Pferde bestiegen. Die Kinder sind den schaukelnden Bewegungen der Tiere mit stolzen Gesichtern gefolgt. «Warme Pferderücken tun Wunder», weiss die Reittherapeutin Katharina Schwägli.

Um sich jedoch auf die Pferderücken zu trauen, müssen die Kinder zuerst ihre Angst überwinden - genau das, worauf es beim Therapiereiten ankommt. Melis (16) hat ihre Angst längst hinter sich gelassen. Behutsam streichelt sie die Islandstute am Kopf, ohne Zögern lässt sie das Tier an ihren Händen riechen. Zur Freude von Patrik Lischer, der erklärt: «Die Pferde haben Melis geholfen, ihre Schüchternheit abzubauen.»

Für Reiten bleibt heute nur noch wenig Zeit, beim Pferdestreicheln schmiedet das Mädchen bereits Pläne für die Zukunft: «Schon bald will ich ins Berufsleben einsteigen», verrät sie, «am liebsten mit einer Hauswirtschaftslehre.»