Im Westen, hinter den kahlen Buchen, da wo die Stadt Solothurn liegt, hat die bald untergehende Spätwintersonne einen rötlichen Vorhang aufgezogen. Sicheren Tritt in diesem Wald zu finden, ist nicht einfach. Kein Weg führt zu diesem vergessenen Ort. Die Erde ist aufgeweicht und unter dem Teppich der rotbraunen Buchenblätter verstecken sich tückische Äste und Wurzelstöcke. Junge, kaum fingerdicke Buchen bilden stellenweise eine Art Staketenzaun.

Oben auf dem Kamm, wo das Gelände nordwärts steil abfällt in den künstlichen Einschnitt, durch den sich die Baselstrasse und das Bipperlisi-Trassee zwängen, kann man freier gehen. Und hier liegen sie auch – wie zwei abgewetzte Stockzähne, die kaum mehr aus dem Zahnfleisch herausragen: Zwei bienenwabenförmig angeordnete, zu einem grossen Teil mit Moos überzogene Steinplatten: Fundamentreste der oberen Solothurner Richtstätte im Osten der Stadt.

Der vergessene «Galgenrain»

Im Oktober 2010 hat der pensionierte Landwirtschaftslehrer und Lokalhistoriker Hansueli Jordi aus Feldbrunnen die Kalksteinblöcke wiederentdeckt. Dass – wohl seit dem 15. Jahrhundert – ein Hochgericht auf der Anhöhe zwischen Feldbrunnen und Riedholz bestand und dem auf der alten Baselstrasse vorbeiziehenden Volk vor Augen führte, was Missetäter zu gewärtigen hatten, war bekannt gewesen. Fragmente der Steinsäulen des Galgens waren verschiedentlich auch schon in der Umgebung gefunden worden.

In Vergessenheit geraten war dagegen der genaue Standort der Richtstätte, deren letzte Reste wohl in den 1840er-Jahren abgebrochen wurden, als die Strasse verlegt wurde, Jordi wollte dem Flurnamen «Galgenrain» auf den Grund gehen. Vom Amt für Denkmalpflege und Archäologie mit einem Kessel und Grabwerkzeugen ausgestattet, wurde er im Vögelisholz, auf Riedhölzer Boden fündig. Nicht nur die Fundamente des Galgens fand er laut der Dorfzeitung von Feldbrunnen (Ausgabe vom Sommer/Herbst 2011), sondern auch einen menschlichen Schädel, einen Oberschenkelknochen, ein Schlüsselbein, einen Wirbel und einen Unterkiefer.

Der Abschreckungseffekt

Hingerichtete wurden in der Regel – und oftmals recht nachlässig – an Ort und Stelle verscharrt. Die exakte Lage des oberen Richtplatzes war demnach, nicht zuletzt dank der Skelettreste, geklärt – auch für die Solothurner Kantonsarchäologie. Im Band 16 der «Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn» (2011) widmete Ylva Backman Jordis Fund einen Kurzbericht. Der Galgen im Vögelisholz, heisst es darin, habe wohl bis ins 18. Jahrhundert als Richtstätte gedient. Der damalige Baumbestand wird den Galgen zumindest den Blicken der auf der Baselstrasse passierenden Reisenden nicht entzogen haben. Der gewollte Abschreckungseffekt, der noch dadurch verstärkt wurde, dass man die Gehängten eine Weile im Wind baumeln liess und so den Raubvögeln preisgab, wäre sonst dahin gewesen.

Bäume als Sichtschutz

Dabei verlief der «Galgenrain» genannte Abschnitt der Landstrasse im Ancien Régime nicht nördlich, wie die heutige Strasse, sondern südlich der Richtstätte. Wie im Inventar Historischer Verkehrswege der Schweiz vermerkt, sind im Vögelisholz auf einer Länge von ungefähr 500 Metern entsprechende ältere Wegspuren zu erkennen. Da der Galgenrain für schwere Lastfuhren ein erhebliches Hindernis darstellte, beschloss der Regierungsrat 1841, dass dieses Teilstück der Baselstrasse korrigiert und neu trassiert werden solle. 1852 fanden diese Arbeiten, auf die der heutige Einschnitt für Strasse und Bahn zurückgeht, ihren Abschluss.

Rest des Solothurner Galgens.

Rest des Solothurner Galgens.

Bleibt die Frage, ob das Gelände womöglich offener als heute und der Galgen von weit her sichtbar war, zum Beispiel von der Waldegg her. Das Schloss am Südhang oberhalb Feldbrunnen, das Johann Viktor Besenval ab 1682 erbauen liess, ist rund einen Kilometer entfernt und ziemlich genau auf der gleichen Höhe über Meer gelegen wie der Galgen. Gewiss, 1000 Meter Luftdistanz mildern den Anblick eines Gehängten. Trotzdem: Die «Bellevue» auf einen Hinrichtungsplatz gehört zumindest nach heutigen Vorstellungen nicht unbedingt zu den Vorzügen eines Lustschlosses. Auch wenn man früher härter im Nehmen war: Den eleganten Gesellschaften dürfte das makabre Schauspiel erspart geblieben sein.

Auf einem Wasserleitungsplan des Niedergösger Feldmessers Johann Ludwig Erb aus dem Jahre 1733 ist klar erkennbar, dass der damalige Baumbestand auf der Anhöhe beim Galgen gegen die Stadt hin einen wirksamen Sichtschutz geboten haben muss. Den selben Schluss lässt die zwischen 1796 und 1798 entstandene Kantonskarte von Johann Baptist Altermatt zu. Das bestätigt Silvan Freddi, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Staatsarchivs Solothurn, wo die Kantonskarte aufbewahrt wird.

Hart bestraft für Bagatellen

Leicht fällt es nicht, sich vorzustellen, dass die in Moospolster verpackten, so ganz und gar unspektakulären Steinkötze, die eher an einen von Feen belebten Märchenwald erinnern, die Stelle markieren, an der noch bis ins 18. Jahrhundert Menschen vom Leben zum Tod befördert wurden. So wie den jungen Dieb, dessen Überreste 2010 zum Vorschein kamen, ereilte dieses Schicksal manche für ein Vergehen, das nach heutigem Verständnis als Bagatelle abgetan werden könnte.

Ohne mit der Wimper zu zucken, haben die Reisenden die Stelle kaum passiert. In einer Sage, die Elisabeth Pfluger 1987 in Flumenthal registriert hat, ist die Rede davon, dass die Leute von Flumenthal früher die Baselstrasse mieden und lieber den Weg übers Bad Attisholz einschlugen, weil sie den Galgen zuoberst auf dem Galgenrain scheuten.

Die Knochen von Feldbrunnen

Freilich gab es an der Baselstrasse noch eine zweite, «untere» Richtstätte, die unweit von St. Katharinen gelegen war. Laut Franz Haffner, einem Chronisten des 17. Jahrhunderts, wurden 1450 zwei Hochgerichte errichtet: eines südlich der Aare und eines am Siechenbach, beim Siechenhaus und späteren Kloster St. Katharinen. Die genaue Position dieses Richtplatzes ist bekannt, seit 2012 beim Aushub für ein Mehrfamilienhaus zwischen der Basel- und der Sandmattstrasse in Feldbrunnen menschliche und tierische Knochen zum Vorschein kamen. In der 1540 erstmals in den Quellen erwähnten «Houbtgruoben» bei St. Katharinen wurden Hingerichtete wie auch Tierkadaver verlocht.

1505 und 1542 ist dann vom Galgen auf dem Steinenberg – jenem im Vögelisholz – die Rede. Ylva Backman kommt zum Schluss, «dass Hinrichtungen am Galgen ab dem späten 15. Jahrhundert nicht mehr unten beim Siechenbach, sondern weiter östlich, oben auf dem Steinenberg stattfanden («Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn» 2014). Bei den Grabungen 2012 wurden auch Reste eines «Rabensteins» gefunden – , eines gemauerten Podests, auf dem Enthauptungen vorgenommen wurden. Spätestens ab dem 16. Jahrhundert, schreibt Backman, habe es also nebst dem Galgen im Vögelisholz eine zweite Hinrichtungsstätte für Enthauptungen gegeben – ungefähr an der gleichen Stelle, an der sich schon der alte Galgen beim Siechenbach befunden hatte.

Rabenstein und «Hauptgrube» lagen sogar in unmittelbarer Nachbarschaft einer herrschaftlichen Demeure: des barocken Landhauses Grimm, der heutigen Villa Serdang. Die ebenfalls nahe gelegene Villa Koch dagegen ist eine spätklassizistische Baute aus den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts und damit zu jung, als dass ihre Bewohner jemals durch Immissionen der solothurnischen Blutgerichtsbarkeit hätten gestört werden können.

Der Galgen kam aus der Mode

Nicht nur die Bäume brachten die Herrschaften auf der Waldegg um den Anblick vor sich hin verwesender Gehängter. Im 18. Jahrhundert ging die Zahl der Todesurteile generell stark zurück. Die Richter wurden zurückhaltender mit dem Fällen von Bluturteilen. In der zweiten Jahrhunderthälfte hielten sich Verurteilungen und Begnadigungen ungefähr die Waage. Zudem kam praktisch nur noch die Hinrichtung durch das Schwert vor.

Eine Hinrichtung durch den Strang hatte Scharfrichter Johann Hotz 1720 – ausnahmsweise – vorzunehmen. Erst sein Enkel Franz Josef Leonhard Hotz musste wieder einen Verurteilten aufknüpfen. Der von ihm 1769 gehängte Antoni Guidam aus Benfeld im Elsass war dann der letzte Übeltäter, der an einem Solothurner Galgen endete.

Zuerst getötet, dann verbrannt

Die andern Hinrichtungsarten – abgesehen von der Enthauptung – waren in Solothurn schon früher ausser Gebrauch gekommen. So wurde 1644 letztmals ein Verurteilter mit gebrochenen Gliedern aufs Rad geflochten. Das Opfer war Kaspar Lüpold aus dem Fricktal, genannt der «Schwarz- und Schwermüller». In seinem 1970 im Jahrbuch für solothurnische Geschichte veröffentlichten Aufsatz «Der Henker von Solothurn›» erwähnt Othmar Noser eine Dory Hofmeier aus Oensingen, die auf dem Höhepunkt des Hexenwahns in Solothurn als Letzte durch Ertränken zu Tode gebracht wurde. Auch die letzte Person, die im Solothurnischen lebendigen Leibes verbrannt wurde, war ein Opfer des Hexenwahns: Die aus dem Zürichbiet stammende 60-jährige Anna Weyer, Frau des Hans Frindler von Lostorf, endete am 19. August 1623 auf dem Scheiterhaufen. Ihr wurde vorgehalten, Menschen und Vieh verdorben, Wetter gemacht und Teufelsbuhlschaft getrieben zu haben.

Verbrennungen wegen Hexerei kamen zwar weiterhin vor, doch wurden die Opfer vorgängig getötet. Der Fall war dies 1659 bei der Freiämterin Verene Struss und dem Walliser Andres Spetz, die auf einer Leiter stranguliert und anschliessend verbrannt wurden.

Dass vier Jahre später Elisabeth Grob nicht ebenso als Hexe starb, hatte die 54-jährige Witwe des Weibels von Winznau einer Formalität zu verdanken. War das Todesurteil gefällt, kam es nämlich jeweils am Hinrichtungstag noch zum sogenannten Standrecht auf dem Kronenplatz, wo den Verurteilten öffentlich das Endurteil verlesen wurde. Bei schlechtem Wetter geschah dies unter den Bögen des Rathauses. Fanden sich aber nicht alle 24 erforderlichen Richter im Standrecht ein, konnte das Urteil nicht vollstreckt werden. Elisabeth Grob wurde am 30. Oktober 1711 schuldig befunden, Gott und seine Heiligen verleugnet und sich mit ihrem Blut dem Teufel verschrieben zu haben.

Auch wollten die Richter auf dem Körper der Beschuldigten das den Beweis liefernde Teufelsmal gefunden haben. Sie wurde zum Schwert verurteilt, doch als es so weit war, fehlten vor der «Krone» ein paar Richter. So konnte das Urteil nicht bestätigt und vollzogen werden. Zwei Wochen später bei der neuen Verhandlung gab das Gericht den Bitten der Verurteilten um Milderung des Urteils statt. Es wurde in eine lebenslange Gefängnisstrafe umgewandelt. Elisabeth Grob lebte noch zwei Jahre, dann starb sie – offenbar an den Folgen der Folter, mit der man ihr einen Teil der Geständnisse abgepresst hatte.

Das letzte Todesurteil

Mit dem Peinlichen Gesetzbuch der Helvetischen Republik wurde die schon länger geltende Praxis zur Norm erhoben: Die einzige zulässige Todesstrafe war fortan die Enthauptung. Der Letzte im Kanton Solothurn mit dem Schwert Hingerichtete, war der Fulenbacher Urs Joseph Schenker, der für den gewaltsamen Tod seines Vaters verantwortlich gemacht wurde. Gestanden hat Schenker nie. Der 28-Jährige wurde am 17. Februar 1855 vom Berner Nachrichter Samuel Huber enthauptet – nicht bei St. Katharinen, sondern beim «Ritter» neben dem heutigen «Solheure».