Regio Energie Solothurn

Erstmals in der Schweiz: Hybridwerk Aarmatt speist Wasserstoff aus erneuerbarem Strom ins Gasnetz

Röhrenspeicher auf dem Dach des Hybridwerks Aarmatt.

Röhrenspeicher auf dem Dach des Hybridwerks Aarmatt.

Das Hybridwerk Aarmatt der Regio Energie Solothurn in Zuchwil ist seit Freitag um eine Funktion reicher: Neuerdings wird in der Anlage Wasserstoff produziert, ab 2018 kommt auch Methan dazu.

Schritt für Schritt wächst das Hybridwerk Aarmatt der Regio Energie Solothurn (RES) zum «Schweizer Sackmesser» der Energieanlagen heran. Was als Notheizzentrale für Zwischenfälle der Fernwärme-Versorgung begann, wurde im Sommer 2015 als weitaus komplexere Anlage in Betrieb genommen.

Das Hybridwerk soll auf das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage in der Gas-, Strom- und Fernwärmeversorgung reagieren, indem sie die jeweils benötigte Energieform bereitstellt.

Seit Freitag ist die forschende und lernende Institution um eine Funktion reicher: So kann im sogenannten Power-to-Gas-Verfahren durch zwei Elektrolyseure mittels Strom synthetischer Wasserstoff hergestellt werden, der in Röhrenspeicher gelagert und später in kleinem Anteil dem Hauptbestandteil Methan im Erdgasnetz beigefügt wird.

Auf diese Weise lässt sich die bei einem Überschuss an Netzstrom vorhandene Energie in chemischer Form speichern – und gegebenenfalls bei einer Unterversorgung in Strom und Wärme rückwandeln.

Hybridwerk Aarmatt in Zuchwil - Felix Strässle von der Regio Energie Solothurn erklärt die neuen Entwicklungsschritte

Hybridwerk Aarmatt in Zuchwil - Felix Strässle von der Regio Energie Solothurn erklärt die neuen Entwicklungsschritte

Mit diesem Baustein will sich die RES für eine Zukunft rüsten, die vermehrt von erneuerbare Energieformen wie Solar- und Windkraft bestimmt ist, welche ihrerseits saison- und wetterabhängig sind. Auch die Frage der Energiespeicherung drängt damit immer mehr auf die politische Agenda.

Grosses Forschungsprojekt

Doch damit nicht genug: So hat die RES bereits jetzt ein weitaus grösseres Projekt vorgestellt, um auch Methan selbst fürs Erdgasnetz herzustellen. Ausgehend vom EU-Forschungsprogramm «Horizon 2020» wird die Aarmatt neben Falkenhagen (D) und Puglia (I) in den nächsten Jahren zum Forschungsstandort von «Store&Go».

Es ist dies ein Projekt im Bereich Energiespeicherung, das die RES zusammen mit fünf weiteren Institutionen bestreitet. Als Projektpartner mit an Bord sind die Technologiefirma Electrochaea, die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt EMPA, die ETH Lausanne, die Hochschule für Technik Rapperswil, und der Schweizerische Verein des Gas- und Wasserfaches. Das aus dem «Store&Go»-Forschungstopf eingesetzte Budget für die Anlage Aarmatt beträgt rund 5,7 Mio. Euro.

Konkret wird man sich am hiesigen Standort auf die sogenannte biologische Methanisierung fokussieren: Dabei wird mithilfe von Einzeller-Organismen, so genannten Archaeen, aus Kohlendioxid (CO2) und dem vorher synthetisierten Wasserstoff Methan und Wasser hergestellt und in weitaus grösseren Anteilen als Wasserstoff selbst ins Erdgasnetz gespeist. RES-Geschäftsleitungsmitglied Thomas Schellenberg umriss anlässlich der Medienkonferenz den Zeitplan: 2017 soll die rund zehn Meter hohe Testanlage gebaut werden, ab 2018 als Forschungsbetrieb laufen und ab 2020 wieder rückgebaut werden.

Sie vertreten die Partnerorganisationen für die Methanisierungsanlage in der Aarmatt (v. l.): José Blazquez (Electrochaea), Jachin Gorre (Hochschule für Technik Rapperswil), Ursula Kunze (Regio Energie), Thomas Bütler (Eidgenössische Materialprüfungs-Anstalt), Thomas Schellenberg (Regio Energie), Martin Seifert (Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfaches), Michael Walter (Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches), Victor Codina (ETH Lausanne), Mich Heim (Electrochaea).

Sie vertreten die Partnerorganisationen für die Methanisierungsanlage in der Aarmatt (v. l.): José Blazquez (Electrochaea), Jachin Gorre (Hochschule für Technik Rapperswil), Ursula Kunze (Regio Energie), Thomas Bütler (Eidgenössische Materialprüfungs-Anstalt), Thomas Schellenberg (Regio Energie), Martin Seifert (Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfaches), Michael Walter (Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches), Victor Codina (ETH Lausanne), Mich Heim (Electrochaea).

Für alle drei Forschungsstandorte werden Schlüsselfaktoren festgelegt, um die einzelnen getesteten Technologien auf ihre Leistungsfähigkeit hin zu vergleichen. Nicht zuletzt stützt sich das EU-Forschungsprojekt auf die Hoffnung einer breiten Anwendung unterschiedlicher Power-to-Gas-Verfahren.

Forschung vs. Wirtschaftlichkeit

Mittelfristig stehen im Hybridwerk Aarmatt wirtschaftliche Motive gegenüber dem Forschungsinteresse eher im Hintergrund. Laut RES-Direktor Felix Strässle müssten sich vor allem die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern, um die Power-to-Gas-Technologie auch im wirtschaftlichen Sinne bei der Frage um die Energiespeicherung einzusetzen: Neben dem (günstigen) Preis für Überschussstrom zur Gas-Synthetisierung kommen nämlich noch Netznutzungsgebühren und weitere Abgaben hinzu.

Pumpspeicherwerke hingegen, die mit überschüssigen Strom Wasser in die Stauseen zurückpumpen und so Energie speichern, sind von Gebühren und Abgaben befreit. «Diese ungleichen Bedingungen sind der Knackpunkt», verdeutlicht Felix Strässle weiter.

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